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Morgenimpuls

DOMRADIO.DE

Mit einem guten Gefühl in den Tag starten: Montag bis Freitag erzählt die Olper Franziskanerin Schwester Katharina von ihren Gedanken über Gott und die Welt. Am Samstag und Sonntag sprechen im Wechsel die Religionslehrerin Vanessa Grbavac und Pfarrer Stefan Wißkirchen. Im Radio um 6.15 Uhr und als Podcast.

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  • 70 episodes
  • daily
  • Avg 70 hr 33 min
  • German
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  • August 23 · 63 hr 36 min

    Teil von etwas Größerem / Morgenimpuls mit Vanessa Grbavac

    Sommerzeit ist Festivalzeit. Dieses Jahr war ich zum ersten Mal bei Rock am Ring. Was für eine Atmosphäre. Musik, die man nicht nur hört, sondern spürt. Die Bässe. Die Beats. Und diese vielen Menschen. Alle schwarz gekleidet, alle irgendwie entspannt. Ich kenne kaum eine Menschengruppe, die so friedlich und freundlich ist wie Rocker und Metaller. Ich gehe generell gern auf Konzerte, obwohl ich einen entscheidenden Nachteil habe: Ich bin ziemlich klein. In Menschenmengen habe ich selten den Überblick. Bei Rock am Ring waren rund 90.000 Menschen. Eine Zahl, die ich kaum greifen kann. Und das Verrückte ist: Man merkt sie gar nicht. Natürlich weiß ich, dass da Zehntausende sind. Aber ich sehe nur die Menschen direkt um mich herum. Ich höre die Stimmen in meiner Nähe. Ich nehme die paar Reihen vor und hinter mir wahr. Mehr nicht. Und trotzdem singen da Tausende denselben Song. Als ich später darüber nachgedacht habe, musste ich an die Kirche denken: Katholisch bedeutet ja "weltumfassend". Und genau das mag ich eigentlich am Katholischsein. Wenn ich im Urlaub irgendwo einen Gottesdienst besuche, dann finde ich mich meistens sofort zurecht. Die Abläufe, die Gebete, die Gesten – vieles ist vertraut. Egal, ob in Deutschland oder anderswo. Manchmal wirkt Kirche auf mich ziemlich klein. Dann sehe ich die Menschen in meiner Gemeinde, die vertrauten Gesichter in den Kirchenbänken, und denke: ganz schön wenige, ganz schön traurig. Aber eigentlich weiß ich, dass das nicht stimmt. So wie ich bei Rock am Ring nicht wirklich erfassen konnte, dass da 90.000 Menschen gemeinsam feiern, kann ich auch nicht erfassen, wie viele Menschen weltweit glauben, hoffen, zweifeln, beten und nach Gott suchen. Ich sehe nur meinen kleinen Ausschnitt. Vielleicht geht es vielen so. Wir nehmen vor allem das wahr, was direkt vor uns ist. Die Menschen in unserem Umfeld. Die, die wir kennen. Und vergessen dabei manchmal, dass wir Teil von etwas viel Größerem sind. Bei Rock am Ring habe ich das für einen Moment gespürt: Ich war eine von 90.000. Und trotzdem nicht verloren.

  • August 22 · 63 hr 3 min

    Im Kleinen zum Segen werden / Morgenimpuls mit Vanessa Grbavac

    Ich versuche regelmäßig Blut spenden zu gehen. Das ist mir irgendwie wichtig. Und ehrlich gesagt fühle ich mich danach immer ziemlich gut. Klar, ich habe ja auch etwas Gutes getan. Bei einer meiner ersten Blutspenden bekam ich eine kleine Blechdose mit Minzbonbons geschenkt. Die Bonbons fand ich toll. Und die Dose auch. Die passte perfekt vorne ins kleine Ablagefach im Auto unter dem Radio. Da lag sie dann erstmal ziemlich lange herum. Irgendwann fiel mir auf, dass auf der Dose ein Bild eingeprägt war. Erst wirkte das einfach nur rot-orange auf mich. Das fand ich logisch. Blutspende, DRK – da passten die Farben für mich erstmal einfach zum Design. Aber als ich genauer hinschaute, erkannte ich die Szene sofort. Religionslehrerin eben. Es war der barmherzige Samariter. Ein fremder Mann hilft einem Verletzten, an dem andere längst vorbeigegangen waren. Er versorgt seine Wunden, bringt ihn in ein Gasthaus und bezahlt dafür, dass man sich weiter um ihn kümmert. Dann zieht er weiter. Und irgendwie fand ich den Vergleich zwischen mir und dem Samariter erstmal fast ein bisschen drüber. Ich habe doch nur Blut dagelassen. Mehr nicht. Ich habe noch nicht mal eine besonders seltene Blutgruppe. Ich habe einfach kurz die Augen zugemacht, als die Nadel kam, und danach eine Cola getrunken. Ich habe doch eigentlich gar nichts Besonderes getan. Und trotzdem blieb mir diese Dose lange im Kopf. Vielleicht, weil sie mich an etwas erinnert hat, das ich selbst oft vergesse. Wie oft denken wir eigentlich, wir hätten gar nichts verändert? Dabei wissen wir manchmal überhaupt nicht, was unser kleines Handeln bei anderen bewirken kann. Dabei reicht manchmal schon erstaunlich wenig: Ein bisschen Zeit. Ein offenes Ohr. Eine kleine Geste. Ein paar Worte. Für mich fühlt sich das oft klein an. Fast unbedeutend. Und vielleicht war es für jemand anderen genau das, was gefehlt hat. Der barmherzige Samariter macht ja eigentlich auch nichts Spektakuläres. Er zaubert nicht. Er nimmt dem Verletzten nicht plötzlich allen Schmerz. Er hilft einfach. So gut er eben kann. Und dann geht er weiter. Vielleicht liegt genau darin etwas Segen. Dass Hilfe nicht immer groß sein muss, um etwas zu verändern. Und dass wir oft gar nicht merken, wo wir anderen längst zum Segen geworden sind.

  • August 21 · 55 hr 16 min

    Ein Gott, der berührt / Morgenimpuls mit Vanessa Grbavac

    In den Sommerferien mache ich oft Dinge, zu denen ich sonst nie komme. Zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt. Ich bin da wirklich schlecht drin. Ich vergesse es. Ich ignoriere es. Und manchmal will ich vielleicht auch einfach gar nicht wissen, ob da irgendwas in mir schlummert. Und ehrlich gesagt sitze ich auch einfach unfassbar ungern in Wartezimmern. Vielleicht kennst du das ja? Es ist gar nicht die Langeweile. Die kriegt man heute mit dem Smartphone sowieso besser rum als früher mit den abgegriffenen Zeitschriften auf dem Tisch. Es ist eher dieses Gefühl von: Hoffentlich steckt man sich hier nicht mit irgendwas an. Genau aus dem Grund fällt es mir manchmal auch schwer, in Krankenhäuser zu gehen. Für mich sind das oft Orte potenzieller Ansteckung. Wie widersprüchlich eigentlich. Ich gehe ungern zur Vorsorge und habe gleichzeitig Angst, mich anzustecken. Und vielleicht steckt darin etwas Größeres. Denn Krankheit macht oft einsam. Krankheit grenzt aus. Das merke ich auch in der Schule. Wenn Lernende länger krank waren und zurückkommen, dann sind sie oft erstmal "die, die lange weg waren". Man ist rausgefallen. Man muss wieder Anschluss finden. Und ich merke diese Berührungsängste auch bei mir selbst. Wenn ich im Wartezimmer unruhig auf meinem Stuhl hin und her rutsche. Oder wenn ich manchmal gar nicht möchte, dass andere merken, dass es mir vielleicht selbst nicht gut geht. Krankheit schafft Distanz. Zwischen Menschen. Zwischen dem, was man zeigen will, und dem, was wirklich ist. Und genau deshalb berührt mich Jesus an dieser Stelle so sehr. Denn Jesus hatte diese Berührungsängste nicht. Er hat Menschen berührt, die längst ausgeschlossen waren. Menschen, denen andere lieber aus dem Weg gegangen sind. Kranke Menschen. Einsame Menschen. Menschen, die niemand mehr anfassen wollte. Und genau dort beginnt plötzlich wieder Beziehung. Ich glaube, das ist eines der größten Wunder: Dass Gott keine Angst vor Nähe hat. Keine Angst vor dem, was verletzt, krank oder zerbrochen ist. Gott hält Abstand nicht aus, sondern überwindet ihn.

  • August 20 · 66 hr 40 min

    Du hast uns im Blick / Morgenimpuls mit Vanessa Grbavac

    Wenn man jetzt in den Ferien an der Autobahnauffahrt Brühl-Süd vorbeifährt, dann sieht man dort morgens oft lange Schlangen. Alle wollen in den Freizeitpark. Ein Ort voller Achterbahnen, Themenwelten und Abenteuer. Wir fahren da auch manchmal mit Schulklassen hin. Ich selbst bin allerdings eher nicht so der Achterbahn-Fan. Mir reicht schon eine kurvige Autofahrt durch die Eifel und mir wird schlecht. Deshalb bin ich oft diejenige, die wartet, während die anderen fahren. Und ehrlich gesagt mag ich das sogar ein bisschen. Nicht das Warten an sich. Aber das Beobachten. Das Staunen. Diese Freizeitparks sind ja mit unglaublich vielen Details gestaltet. Überall Musik, Kulissen und kleine Welten, in die man eintaucht. Beim letzten Besuch in besagtem Freizeitpark stellten sich mein Mann und meine Schwester direkt morgens an einer Achterbahn an. Ich nahm Handys, Taschen und alles, was sonst der Schwerkraft zum Opfer gefallen wäre, holte mir einen Kaffee und setzte mich auf eine Bank. Und dann begann ich einfach die Menschen zu beobachten. Dafür gibt’s in meiner Familie sogar einen extra Begriff. „Äppen“. Ein junger Mann ist mir dabei besonders aufgefallen. Ich musste direkt grinsen. Er betrat diese Themenwelt mit so einer Begeisterung, als wäre er gerade in einem Film angekommen. Der Mund stand offen, die Augen weit aufgerissen. Und bei dieser epischen Musik stemmte er die Hände heroisch in die Hüften. Dabei sah er eigentlich gar nicht so aus wie jemand aus einem Abenteuerfilm. Mit Regenjacke um die Hüfte gebunden und einem Rucksack auf dem Rücken wirkte er eher wie irgendein ganz normaler Besucher. Aber genau das fand ich so schön. Er sah gar nicht so aus, wie er sich scheinbar fühlte. Und die meisten Menschen um ihn herum haben das wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Aber ich hatte ihn irgendwie im Blick. Und seine Freude hat mich plötzlich selbst angesteckt. Und vielleicht ist Gott genauso. Vielleicht sieht Gott uns viel genauer, als wir selbst denken. Nicht nur das Außen. Nicht nur das, was andere wahrnehmen. Sondern auch das, was in uns lebendig ist. Unsere Freude. Unser Staunen. Unsere Begeisterung. Vielleicht schaut Gott uns manchmal genau in solchen Momenten an und freut sich einfach mit. Nicht von weit weg. Nicht über uns. Sondern mitten in unserem Leben.

  • August 19 · 49 hr 43 min

    Ein warmes Licht / Morgenimpuls mit Vanessa Grbavac

    Kennst du das? Du gehst durch die Stadt. Oder suchend durch den Supermarkt. Und plötzlich fühlt sich alles an deinem Gehen falsch an. Weil da jemand ist, den du kennst. Oder jemand, bei dem du nicht weißt, ob man sich jetzt grüßen müsste. Und auf einmal denkt man über Dinge nach, über die man sonst nie nachdenkt. Wie man geht.Wohin man schaut.Was die Hände machen.Ob man gerade zu schnell läuft.Oder krampfhaft locker wirken will. Plötzlich fühlt sich sogar normales Gehen wie Schauspielern an. Als würden alle hinschauen. In der Psychologie gibt es dafür einen Begriff: Spotlight-Effekt. Weil wir oft glauben, viel stärker im Mittelpunkt zu stehen, als wir es tatsächlich tun. Und ehrlich gesagt: Ich finde dieses Rampenlicht meistens gar nicht schön. Es macht mich eher unsicher. Als würde ich beobachtet statt einfach gesehen. Vielleicht fällt es manchen Menschen deshalb auch schwer, an Gott zu glauben. Weil die Vorstellung unangenehm ist, ständig im Blick zu sein. Ich selbst glaube aber nicht an einen Gott, der mich bloßstellt. Nicht an ein kaltes Scheinwerferlicht, das alles sichtbar macht und mich dabei klein werden lässt. Eher an ein warmes Licht. Eins, das nicht entblößt, sondern Orientierung gibt. Das mich nicht vorführt, sondern freundlich ansieht. Und manchmal reicht mir dieser Gedanke schon, wenn ich mich wieder zu sehr im Blick der anderen verliere. Dass da einer ist, der mich sieht, ohne dass ich mich verstellen muss. Ein Licht, das ich Gnade nenne.

  • August 18 · 60 hr 50 min

    Wirklichkeit durch Versprechen / Morgenimpuls mit Vanessa Grbavac

    Heute ist unser Hochzeitstag. Aber nur der "kleine" Hochzeitstag. Ich habe vor einigen Jahren ganz bewusst in den Sommerferien standesamtlich geheiratet. Ich dachte damals: Dann ist das mit dem Namenswechsel für alle einfacher. Und ehrlich gesagt, hatte ich davor schon ein bisschen Angst. Nicht vor der Ehe. Aber davor, plötzlich anders zu heißen. Nicht mehr wie meine Schwester. Nicht mehr wie meine Mutter. Und dann auch noch mit einem Nachnamen, den ständig jemand falsch ausspricht. Ein Name ist eben Identität. Und ich glaube, ich hatte wirklich Sorge, mich plötzlich irgendwie anders zu fühlen. Diese große Identitätskrise blieb allerdings aus. Die standesamtliche Trauung selbst war wunderschön. Es wurde viel gelacht. Freunde standen plötzlich mit Blumen vor der Tür und überraschten uns. Abends wollten wir noch gemeinsam feiern. Und trotzdem saßen mein Mann und ich danach irgendwann alleine im Auto und sagten beide fast gleichzeitig: "Wow … war das jetzt alles?" Nicht enttäuscht. Aber irgendwie überrascht davon, wie normal sich alles anfühlte. Ich war immer noch ich. Und er war immer noch er. Und dann hatte ich plötzlich zwei Wochen Zeit, mich komplett hineinzusteigern, dass die kirchliche Hochzeit jetzt bestimmt DAS große, alles verändernde Ereignis werden müsste. Und ja … irgendwie wurde sie das auch. Bis heute feiern wir beide Hochzeitstage. Einen im August und einen im September. Aber das eigentliche Versprechen, das uns verbindet, das gab es nur einmal. Und vielleicht ist genau das das Besondere an Versprechen. Sie verändern nicht plötzlich den ganzen Menschen. Aber sie schaffen etwas Neues zwischen Menschen. Eine Verbindung. Eine Wirklichkeit, die vorher noch nicht da war. Vielleicht spürt man das gerade deshalb bei einer kirchlichen Trauung so stark. Weil dort nicht nur zwei Menschen nebeneinander stehen und etwas unterschreiben. Sondern weil aus Worten plötzlich etwas Wirkliches wird. Ein "Ich bleibe." Ein "Ich gehe mit." Ein "Ich liebe dich." Und ich glaube, genau dort ist Gott. In diesem Sakrament. In der Wirklichkeit, die die Eheleute sich gegenseitig schenken.

  • August 17 · 64 hr 43 min

    Schmetterling / Morgenimpuls mit Vanessa Grbavac

    Immer wenn ich im Sommer viele Schmetterlinge sehe, dann muss ich an Erdbeben denken. Komisch eigentlich. Denn ich finde Schmetterlinge wunderschön. Und sogar mein Vorname ist von einer Schmetterlingsart abgeleitet. Warum also ausgerechnet Erdbeben? Irgendwann habe ich mal aufgeschnappt, dass viele Schmetterlinge Vorboten für Erdbeben sein sollen. Keine Ahnung, ob das stimmt. Aber kennst du das? Manche Gedanken verbinden sich mit etwas – und dann wird man sie kaum noch los. Schmetterlinge und Erdbeben. Und wenn ich weiterdenke, dann steckt da vielleicht mehr drin als ich zuerst gedacht habe. Denn so ein Schmetterlingsleben ist ja eigentlich auch eine Erschütterung. Am Anfang ist da diese kleine Raupe. Ganz nah an der Erde. Langsam unterwegs. Versteckt zwischen Blättern, damit sie niemand entdeckt. Und sie frisst und frisst, wird größer, schwerer … vermutlich ist das alles ziemlich mühsam. Und dann passiert etwas, das ich fast beneidenswert finde. Diese Raupe verwandelt sich. In einen Schmetterling. Aber auch das ist ja keine sanfte Veränderung. Das ist ein Umbruch. Eine Verwandlung, die alles durcheinanderbringt. Im Kokon geschieht etwas, das wir kaum verstehen können. Und ich frage mich: Weiß der Schmetterling eigentlich noch, dass er einmal eine Raupe war? Ich glaube, ich muss gar nicht neidisch sein. Denn diese Verwandlung ist bestimmt nicht nur schön. Sondern auch anstrengend. Vielleicht sogar schmerzhaft. Und auf jeden Fall: erschütternd. Und genau deshalb ist der Schmetterling ja auch so ein starkes Bild. Gerade im Glauben. Für Auferstehung. Für Veränderung. Für dieses: Es wird nicht einfach nur anders – es wird neu. Eine Veränderung, die leicht machen kann. Die uns fliegen lässt. Die etwas bewegt. Manchmal sogar mehr, als wir denken. Es gibt diesen Gedanken, dass ein Flügelschlag eines Schmetterlingsirgendwo auf der Welt etwas Großes auslösen kann. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Aber ich mag die Vorstellung. Dass etwas Kleines eine Wirkung haben kann, die größer ist als es selbst. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Verbindung. Nicht Erdbeben und Angst. Sondern Erschütterung, die etwas in Bewegung bringt.

  • August 16 · 65 hr 16 min

    Was macht Jesus eigentlich für dich aus? / Morgenimpuls mit Pfarrer Stefan Wißkirchen

    Der Schriftsteller Arno Schmidt hat über Jesus geschrieben: "Lebe erst einmal und lerne und komme in 30 Jahren wieder." Für Schmidt ist Jesus belanglos, aus einem unbedeutenden Zwergstaat, keine Kultursprache sprechend, keine Bildung, ein barbarischer Dialekt und so schreibt er weiter: "Die Persönlichkeit des Mannes, nach dem sich 30 Prozent der Menschheit nennt, genügt mir nicht." Ein Journalist nannte das später Blasphemie auf höchstem Niveau und doch ist es interessant. Gerade diese scheinbare Belanglosigkeit lässt Jesus bis heute nicht los. Dichter wie Arno Schmidt, Kritiker wie Nietzsche oder Feuerbach, Atheisten und Andersgläubige, sie alle reiben sich an ihm; nicht an Macht oder Erfolg, sondern an seinem Lebensgefühl, denn Jesus lebt anders. Er hält das Leben nicht fest, um es zu sichern. Er gibt es hin, um es zu schenken. Im Johannesevangelium heißt es: "Aus seiner Seite flossen Blut und Wasser." Zeichen neuen Lebens für die Welt, Zeichen dafür, dass Gott nicht verschließt, sondern sich öffnet. Man wirft uns Christen manchmal vor, wir würden die Wirklichkeit verdrängen, aber der Glaube spricht eigentlich eine andere Sprache. Er macht das Leid nicht kleiner, das Unrecht nicht harmlos und das Böse nicht gut. Aber er setzt ein neues Lebensgefühl dagegen, dass es sich lohnt, für das Leben sich einzusetzen, dass jeder Mensch zählt, dass kein Leben belanglos ist. Oder anders: Dein Leben ist wichtig. Du bist bedeutungsvoll, du bist ein geliebtes Kind Gottes, eine geliebte Kind-Tochter, ein geliebter Sohn. Papst Benedikt XVI. hat dieses Lebensgefühl einmal so beschrieben: "Er ist Gott, Licht vom Licht. Um in das ewige Leben einzugehen, muss man auf Jesus hören ihm nachfolgen und dabei in der Hoffnung stehen." Daraus kommt eine persönliche Frage: Was macht Jesus eigentlich für dich aus? Und welches Lebensgefühl gibt er deinem Leben?

  • August 15 · 60 hr 50 min

    Maria war kein weltfremder Hanns Guck-in-die-Luft / Morgenimpuls mit Pfarrer Stefan Wißkirchen

    Erinnerst du dich noch an den Struwwelpeter? Aus dem Haus der Großeltern ist er vielen von uns in lebendiger Erinnerung geblieben. Er ist keine moderne Erziehungsliteratur, aber voller Geschichten, die irgendwie nachwirken. Eine hat mich besonders geprägt: die Geschichte vom Hanns Guck-in-die-Luft. Hanns läuft durch die Welt und starrt oberflächlich in den Himmel. Er ist verträumt, fasziniert von den Wolken, völlig abwesend. Wir bewerten das heute schnell als Unaufmerksamkeit. Doch eigentlich zeigt Hanns eine zutiefst menschliche und schöne Haltung: das Aufschauen, das sich Öffnen für das Größere das Höhere, das über unseren oft grauen Alltag hinausweist. Aber wir wissen, wie es ausgeht. Weil Hanns den Blick nicht senkt, übersieht er die Realität, stolpert und fällt ins Wasser. Er vergisst die Erde. Dabei gehören Himmel und Erde doch zusammen. Das zeigt uns das heutige Fest, dass wir in der Kirche feiern: die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel. Maria wird ganz mit Leib und Seele in die göttliche Herrlichkeit aufgenommen. Ihre Seele schaut auf das Ewige, den Himmel, aber ihr Leib steht zutiefst für das geerdete Leben. Maria war kein weltfremder Hanns Guck-in-die-Luft. Ihr Alltag war fest verwurzelt in der harten Realität ihrer Zeit als Tochter, als Mutter, als Frau in einer einfachen Gemeinschaft. Sie erlebte tiefe Freude, aber auch bitteres Leid. Wenn sie in ihrem berühmten Lobgesang, dem Magnificat, Gott preist, dann dankt sie ihm nicht nur für eine Flucht aus der Welt, sondern für seine Gerechtigkeit hier auf der Erde. Glauben und Hoffnung bleiben genau dann lebendig, wenn wir beides zusammenhalten, den Blick nach oben und den Blick für die Menschen hier unten. Darin ist uns Maria eine wunderbare Begleiterin. Sie lädt dich ein, den Blick vertrauensvoll nach oben zu richten, Kraft im Glauben zu suchen und genau daraus die Stärke zu schöpfen und mit offenen Augen, helfenden Händen und mit einem klaren Herzen mitten in der Welt zu leben.

  • August 14 · 73 hr 20 min

    Schweigen ist Aufmerksamkeit / Morgenimpuls mit Pfarrer Stefan Wißkirchen

    Wenn wir heute in der Kirche an den heiligen Maximilian Maria Kolbe, an diesem großen Bekenner und Märtyrer des Zweiten Weltkriegs, der nationalsozialistischen Herrschaft, zurückdenken, dann wird es neben Gottesdiensten auch manches Mal Schweigeminuten geben. Schweigeminuten gehören zu unserer Kultur, ob Jahreshauptversammlung oder Volkstrauertag, wenn etwas Schreckliches geschieht, ein Unglück, ein terroristischer Anschlag. Wenn wir uns an etwas zurückerinnern, was unser Herz treffen will, halten wir inne, halten wir Schweigeminuten. Schweigen, das ist vielleicht auch die angemessenste Form, auf solche Sachen zu antworten, wie sie beim heiligen Maximilian Maria geschehen sind. Es ist auch mehr als die Abwesenheit von Sprache. Es ist eine bewusst eingesetzte Form der Kommunikation, ein Zeichen innerer Einkehr und Erinnerungen. Vielleicht fällt es uns heute besonders schwer damit. Denn unsere Gesellschaft kommentiert alles. Alles wird bewertet, geurteilt, geteilt, oft in Sekunden. Die Kommentarflut im Internet auf sozialen Medien vermittelt den Eindruck, Schweigen ist Zeitverschwendung. Dabei, so glaube ich, ist genau das Gegenteil der Fall: Das Schweigen auszuhalten, die Leere auszuhalten ist wichtig. Es lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das, was zählt. Wir gedenken der Toten, der Verstorbenen nicht, um sie zu bewerten, sondern um ihnen und ihrem Leben die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken. Wir erinnern uns an Opfer von Gewalt und Verbrechen, wir erinnern uns an Tote von Weltkriegen, wir erinnern uns an jene, deren Leben durch Katastrophen und Gewalt zerstört wurden. Wir erinnern uns heute an Maximilian Maria Kolbe, an den, der für den Familienvater in den Hungerbunker von Auschwitz gegangen ist. Und wenn wir die Menschen auch nicht kannten, an die wir uns erinnern, geht es um ihre Menschenwürde, um ihr unersetzliches Leben. In dieser Erinnerung bewahren wir Würde, Hoffnung und bewahren wir, dass Gott uns geborgen hält. Schweigen ist nicht Leere. Schweigen ist Aufmerksamkeit. Schweigen ist Erinnerung und vielleicht gerade in diesem Moment lernen wir, dass Aufmerksamkeit und Ehrfurcht über unsere menschlichen Worte hinausgehen. Schweigen zeigt, wir haben innegehalten, wir haben erinnert, wir haben zugelassen, dass das Leben anderer, auch wenn es vergangen ist, Bedeutung behält.

  • August 13 · 66 hr 40 min

    Kleine Schritte können große Wendungen auslösen / Morgenimpuls mit Pfarrer Stefan Wißkirchen

    Die Fernsehserie "Breaking Bad", die von 2008 bis 2013 ausgestrahlt wurde, erzählt die Geschichte von Walter White, einem Chemielehrer. Er ist mittellos, hat ein junge Familie und lebt zunächst ein unscheinbares alltägliches Leben. Dann erhält er die Diagnose Krebs, unheilbar. Plötzlich steht alles Kopf. Er trifft eine Entscheidung. Er beginnt Crystal Meth herzustellen, anfangs nur, um seine Familie abzusichern. Doch aus dieser Not entwickelt sich eine Spirale, die ihn immer tiefer in Gewalt, Machtspiele und kriminelle Machenschaften zieht; nicht, weil er böse sein will, sondern weil gut gemeinte Handlungen und unüberlegte Entscheidungen außer Kontrolle geraten. Die Geschichte zeigt eindrücklich, wie schnell ein Leben auf die schiefe Bahn geraten kann. Kleine Entscheidungen, die harmlos oder sinnvoll erscheinen, können große Folgen haben und oft merkt man erst im Rückblick, wohin der Weg wirklich geführt hat. Wie kann man dem begegnen? Nicht durch Ehrgeiz oder den Versuch alles unter Kontrolle zu behalten, sondern durch bewusstes Handeln, Verantwortung übernehmen und die Konsequenzen bedenken. Es geht darum, Entscheidungen ernst zu nehmen, statt sie auf äußere Umstände zu schieben und den richtigen Moment zu erkennen, bevor die Situation außer Kontrolle gerät. Edward A. Murphy, ein amerikanischer Raketenforscher, formulierte im Jahr 1949 das berühmte Murphy-Gesetz: Alles, was schief gehen kann, wird auch schief gehen. Das erinnert uns daran, aufmerksam zu sein, unsere Schritte zu prüfen und Fehler frühzeitig zu korrigieren. Doch es gibt auch einen positiven "turning point". Auch wenn manches schiefgeht, können wir den richtigen Weg finden. Paul Watzlawick erzählt einmal von einem Mann, der alle 10 Sekunden in die Hände klatscht, um Elefanten zu verscheuchen, obwohl gar keine da sind. Wer verzweifelt Probleme vermeiden will, verstärkt sie oft. Nur wer bewusst handelt, Verantwortung übernimmt und Entscheidungen überdenkt, kann Situationen verändern und den eigenen Weg korrigieren. Auf die richtige Bahn geraten heißt also Verantwortung übernehmen, Perspektiven wechseln, bewusst handeln und Chancen nutzen. Kleine Schritte können große Wendungen auslösen und manchmal entscheidet genau das, wohin unser Leben wirklich führt.

  • August 12 · 54 hr 43 min

    Willst Du ewig leben? / Morgenimpuls mit Pfarrer Stefan Wißkirchen

    Heute Abend ist es soweit: Die größte partielle Sonnenfinsternis hier in Europa seit 1999. Solche Tage bringen auch immer mit sich, dass die Menschen auf das Leben an sich schauen. Viele Menschen stellen sich die Frage: Willst du ewig leben? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Was bedeutet ewiges Leben überhaupt? Eine unendliche Verlängerung dessen, was wir jetzt leben mit all seinen Sorgen Brüchen und offenen Wunden? In dieser Sommerzeit denken wir auch an Maria von Magdala. Sie ist ein eindrückliches Beispiel für diese Frage. Sie kommt früh am Morgen an einen Ort, an dem alles endgültig scheint. Sie sucht jemanden, von dem sie dachte, dass alles vorbei sei. Wer wälzt mir den Stein vom Grab weg, fragt sie. Der Stein steht für das, was unüberwindbar scheint: Verlust, Scheitern und Tod. Maria hat viel erlebt. Sie hat Heilung erfahren. Ihr Leben wurde neu ausgerichtet. Und dennoch: Vor ihr liegt wieder ein Abgrund. Erst die Begegnung mit dem Auferstandenen, das Wort, dass sie hört, öffnet ihr Herz. "Er ist nicht hier." Sie erkennt ihn zunächst nicht, hält ihn für den Gärtner. Ein starkes Bild. Der Schöpfer am Werk. Eine neue Schöpfung beginnt. Mitten im Garten, mitten im Leben. Ewiges Leben ist kein Versprechen, sondern beginnt dort, wo ein Mensch sich berühren lässt, wo Angst sich verwandelt in Vertrauen, wo Trauer nicht das letzte Wort behält. Maria von Magdala wird zur Zeugin, nicht, weil sie alles versteht, sondern weil sie sich senden lässt. Ewiges Leben heißt nicht, alles bleibt, wie es war, ewiges Leben heißt, ich darf anders leben aus der Liebe mit Hoffnung in Beziehung und so stellt sich dann auch an uns immer wieder diese Frage: Willst du ewig leben?

  • August 11 · 73 hr 3 min

    Glaube ist keine Theorie / Morgenimpuls mit Pfarrer Stefan Wißkirchen

    Korinth war eine wohlhabende multikulturelle Hafenstadt. Unterschiedlichste Strömungen trafen dort aufeinander: griechisches Denken, das den Geist über den Leib stellte, Mysterienkult mit geheimen Ritualen der Kaiserkult mit seinem Streben nach Macht und Anerkennung und die jüdische Tradition in der Diaspora. Diese Vielfalt spiegelt sich auch in der christlichen Gemeinde wider. Sie war lebendig, aber konfliktreich. Es gab Gruppenbildungen, Zweifel, geistlichen Hochmut, aber auch Beliebigkeit im Leben und im Glauben. Paulus schreibt genau in diese Situation hinein; nicht belehren von oben, sondern seelsorglich und klar. Er ruft die Gemeinde zurück zur Mitte, nicht zu einer Idee, nicht zu einer bestimmten Person, sondern zu Jesus Christus, gekreuzigt und auferstanden. Das ist sein Fundament. Das soll das Fundament der Gemeinde von Korinth, das kann auch unser Fundament sein. "Ich erinnere euch an das Evangelium", schreibt Paulus. Nicht als Rückblick auf etwas Vergangenes, sondern als Erinnerung an das, worauf sie stehen. Glaube ist keine Nostalgie. Er ist Kraft für das heute. Im Herzen steht für den christlichen Glauben: Christus ist gestorben und er ist auferweckt worden; nicht als Mythos, nicht als schönes Symbol, sondern als bezeugte Wirklichkeit, die Leben verändert und neu ausrichtet. Paulus nennt die Zeugen: Kephas, die Zwölf, viele andere und zuletzt sich selbst. Auch der Unvollkommene, der Späte, der Zweifelnde, er wird berufen. Die Begegnung mit dem Auferstandenen verändert, damals wie heute. "Das ist unsere Botschaft und euer Glaube", so schreibt Paulus im Korintherbrief. Glaube ist keine Theorie. Er ist Beziehung, Festhalten auch in Fragen, im Ringen und im Zweifeln. Die Gemeinde in Korinth war alles andere als perfekt und gerade darin kann sie uns nahe sein. Auch wir sind eine bunte, eine suchende Gemeinschaft als die Kirche; mit Spannungen und unterschiedlichen Prägungen und offenen Fragen. Was uns eint, was uns einen soll, ist dieses eine Fundament: der Glaube an Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen. Dieser Glaube ist kein Zusatz für besonders schöne Tage. Er ist der Grund, auf dem wir stehen und die Kraft, aus der wir leben. "Ich erinnere euch an das Evangelium, an das Evangelium von der Auferstehung, denn Christus ist gestorben und er ist auferweckt worden."

  • August 10 · 66 hr 56 min

    Das Ewige Leben ist eine Einladung / Morgenimpuls mit Pfarrer Stefan Wißkirchen

    Es ist schön, etwas zu wissen, es ist gut gebildet und intelligent zu sein. Immerhin gehen wir in die Schule, um das zu fördern. Schön und gut - und zugleich aber auch gefährlich, denn das cleverste Argument wird bedenklich, wenn es nur dazu dient, Recht zu haben und nicht dazu, in der Wahrheit zu leben. Manchmal drehen wir die genialsten Gedankenoperationen, nur um einer einzigen Frage aus dem Weg zu gehen: Wer bin ich? Bei den Sadduzäern, der Elite im Israel der Zeit Jesu, scheint es ein wenig so gewesen zu sein. Sie streiten gerne, aber nicht, weil ihnen wirklich etwas am Glauben liegt, möchte man ihnen zumindest unterstellen, sondern weil es ihnen um Macht, Einfluss und den Schein geht. Glaubensinhalte selbst sind nebensächlich, Werte sind wichtig, das Drumherum nicht. Und dazu gehörte auch die Vorstellung von der Auferstehung. Für sie bedeutete ewiges Leben nur, dass es nach dem Tod irgendwie weiter geht wie bisher, nur ohne Ende. Jesus aber denkt anders. Für ihn ist jeder Mensch wertvoll, wertvoll ist, dass wir in Beziehungen leben und lieben, dass wir leben und geliebt werden. Ewiges Leben ist nicht etwas, das wir uns durch tugendhaftes oder werteorientierendes Handeln verdienen. Nein, Ewiges Leben ist geschenkte Beziehung, es ist die Einladung an jener Welt teilzuhaben, an der Auferstehung, an Gott selbst, dem Ewigen. Vielleicht öffnet das die Frage nach Glauben und Werten noch einmal neu. Macht es Sinn gut zu handeln, wenn es kein Ewiges Leben gibt, keine Verantwortung, keinen Gott, der über uns wacht? Die Botschaft Jesu ist klar, Leben ist nicht einfach nur ein immer „Weiter so“, es ist endlich und vollendet. Und wir? Wir sind eingeladen, es in dieser Wahrheit zu leben, nicht nur für uns selbst, sondern in Beziehung zu Gott und untereinander.

  • August 9 · 63 hr 3 min

    Gott ist wie ein Sonnenschirm / Morgenimpuls mit Vanessa Grbavac

    Unterm Sonnenschirm wird man trotzdem braun. Das sage ich hier zuhause ständig. Man muss sich ja nicht mitten in die pralle Sonne setzen. Wobei manche das trotzdem lieben. Stundenlang. Ohne Schatten. Ohne Sonnencreme. Und hinterher wundern sie sich über den Sonnenbrand. Den man immer erst viel später nach dem Sonnenbaden bemerkt. Ganz ohne Schutz — das ist eben doch gefährlich. Und manchmal denke ich: Mit Menschen ist das ähnlich. Es gibt Menschen, bei denen man sich sicher fühlt, ohne dass sie einen einengen. Die nicht alles von einem fernhalten. Aber die trotzdem da sind. Wie ein Sonnenschirm eben. Die Sonne ist noch da. Das Leben auch. Der Stress. Die Fragen. Die Verletzungen. Aber es trifft einen nicht ganz so ungeschützt. Manchmal merken wir allerdings erst spät, wie sehr wir so einen Schutz eigentlich brauchen. Weil wir lieber stark wirken wollen. Weil wir denken, wir müssten alles alleine schaffen. Oder weil wir Angst haben, anderen zur Last zu fallen. Und dann gibt es diese stillen Menschen, die einfach bleiben. Die nicht sofort Lösungen haben. Aber Nähe. Ruhe. Aufmerksamkeit. Vielleicht können Menschen füreinander genau das sein: ein bisschen Schatten in zu großer Hitze. Und vielleicht ist das auch der Gedanke hinter den Schutzpatronen. Menschen, die selbst geglaubt haben, dass sie getragen und beschützt sind von Gott. Nicht vor allem bewahrt. Aber eben nicht allein. Ich glaube nämlich: Wer sich selbst beschützt weiß, kann oft auch andere besser beschützen. Nicht perfekt. Nicht immer stark. Aber da. Vielleicht ist Glaube manchmal genau das. Nicht die Sonne verschwindet. Aber jemand achtet darauf, dass wir nicht verbrennen.

  • August 8 · 60 hr 16 min

    Unser Glaube ist keine Flucht / Morgenimpuls mit Vanessa Grbavac

    Manchmal ist man länger am Flughafen als später in der Luft. Und ich mag das eigentlich.Dieses Warten. Dieses Dazwischen. Kinder stehen an den großen Fenstern und beobachten staunend die Flugzeuge beim Starten und Landen. Menschen ziehen mit viel zu großen Rucksäcken vorbei. Irgendwo riecht es nach Kaffee und Fernweh. Mich packt das dann sofort.Dieses Gefühl, dass man einfach wegkönnte. Ein paar Stunden später könnte und wird vielleicht alles anders aussehen. Andere Straßen. Anderes Licht. Vielleicht auch ein anderes Lebensgefühl. Flughäfen sind Sehnsuchtsorte.Vielleicht auch ein bisschen Fluchtorte. Für einen Moment lässt man den Alltag zurück. Die Termine. Die Sorgen. Das, was zu eng geworden ist. Und trotzdem warten manche Dinge nach dem Rückflug wieder zuhause. Spätestens dann, wenn man in Deutschland landet und merkt, dass die Sommerkleidung plötzlich nicht mehr passt. Ich frage mich manchmal, ob Glaube auch so etwas sein kann: eine kurze Flucht aus dem Alltag. Aber vielleicht geht es gar nicht darum, wegzukommen. Vielleicht braucht man manchmal nur Abstand, um wieder klarer sehen zu können. Um sich neu auszurichten. Beten, Rituale, Gemeinschaft — das alles hat für mich nur dann wirklich mit Glauben zu tun, wenn es wieder zurückführt ins Leben. In den Alltag. In Beziehungen. In eine Haltung, die offener und aufmerksamer macht. Dann ist Glauben keine Flucht. Sondern eher wie dieses Staunen am Flughafenfenster:Ein kurzer Moment, der den Blick verändert, bevor es weitergeht.

  • August 7 · 83 hr 3 min

    Ein Angebot machen, nicht den Glauben überstülpen / Morgenimpuls mit Pfarrer Stefan Wißkirchen

    Rund 50.000 Menschen studieren in Düsseldorf. Viele von ihnen schreiben irgendwann Zeugnisse, Prüfungen, bekommen Noten und Leistungsnachweise. Ein Zeugnis ist immer eine Bestandsaufnahme.Es hält fest, wo jemand steht; im Wissen, im Können, im Leben. Auch die Heilige Schrift, die Bibel, ist ein Zeugnis, ein Zeugnis vom Wort Gottes. Menschen haben darin ihre Erfahrungen mit Gott festgehalten. Oft wird beim Glauben gesagt, das sei etwas rein Subjektives, etwas Gefühliges. Und dann stellt man ihm das Objektive gegenüber. Ich finde, das greift zu kurz. Wann immer Wahrheit etwas mit dem Leben zu tun hat, stehen lebendige Menschen im Mittelpunkt. Der Glaube ist mehr als Wissen. Er ist ein Wissen, das mich fordert, mein Leben verändert und mich selbst zum Zeugen macht. Zugleich braucht der Glaube Demut vor dem Wissen. Er weiß um die Wirklichkeit Gottes und darum, dass dieses Zeugnis helfen kann, das eigene Leben zu gestalten. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für diese Haltung ist Blaise Pascal, der französische Mathematiker und Philosoph. Er machte im Jahr 1654 eine tiefe Glaubenserfahrung und hielt sie auf einem kleinen Pergamentstreifen fest, den er bis zu seinem Tod bei sich trug. Der Text lautet: „Jahr der Gnade 1654, Montag, den 23. November. Seit ungefähr abends zehneinhalb bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht: Feuer, Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, nicht der Philosophen und Gelehrten. Gewissheit, Gewissheit, Empfinden, Freude, Friede, der Gott Jesu Christi. Dein Gott ist mein Gott. Er ist allein auf den Wegen zu finden, die das Evangelium lehrt. Größe der menschlichen Seele, gerechter Vater. Die Welt kennt dich nicht, ich aber kenne dich. Freude, Freude, Freude, Freudentränen. Das aber ist das Ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen. Jesus Christus, Jesus Christus, ewige Freude für einen Tag der Mühe auf Erden.“ Das ist Blaise Pascals Glaubenszeugnis. Und jedes Zeugnis beschreibt einen Istzustand, auch im Glauben. Er darf wachsen, sich vertiefen, sich verändern, wie ein gutes Zeugnis im Leben. Eines aber bleibt. Christlicher Glaube entsteht aus Begegnung. Wer das erfahren hat, wird anderen den Glauben nicht überstülpen wollen. Zeugnis geben heißt, ein Angebot machen. Als Hochschulpfarrer erlebe ich, wie wichtig solche Zeugnisse sind. Nicht nur auf dem Papier, sondern eben durch Menschen. Menschen, die Orientierung geben, die zeigen: Glaube ist kein abgeschlossenes Wissen, sondern ein Weg, der trägt.

  • August 6 · 77 hr 13 min

    Licht, das zerstört und Licht, das heilt / Morgenimpuls mit Pfarrer Stefan Wißkirchen

    Vor 81 Jahren fiel die Atombombe auf Hiroshima. Wenn das Licht ausgeht, ist es dunkel. Ein heller Lichtblitz zerstörte eine ganze Stadt mit ihren Menschen. Wenn das Licht ausgeht, ist es dunkel. "Kam, kam, kam ein Licht. Wollt leuchten, wollt leuchten." Diese Zeilen stammen von Paul Celan. Und sie haben etwas sehr Menschliches in uns. Dunkelheit kann Angst machen. Sie nimmt uns den Blick in die Zukunft. In die Zukunft zu schauen, ist immer riskant. Aber das mussten die Menschen nach diesem Blackout. Es gibt Unwägbarkeiten, Entwicklungen, die wir nicht beeinflussen können, in denen wir Opfer sind. Und solche, die uns überraschen: Wissenschaftliche Prognosen, gesellschaftliche Trends und unsere eigenen Pläne. Manches trifft ein, manches nicht. Die Geschichte des Menschen ist nie linear. Sie ist immer geprägt von Unvorhersehbaren. Verantwortung zu übernehmen bedeutet, den Blick auf das Kommende zu richten. Veränderungen, Rahmenbedingungen, Entwicklungen nüchtern zu prüfen und zugleich den Blick für Gottes Gegenwart in unserem Leben nicht zu verlieren. Denn das ist die Erfahrung des Volkes Gottes. Immer wieder bricht Gott die Geschichte auf, überrascht uns. Und Christus selbst war eine solche Überraschung. Lange erwartet und doch anders, als die Menschen es sich vorgestellt hatten. Der Apostel Paulus schreibt: Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Ein Bild für Hoffnung mitten in der Dunkelheit. Und vielleicht auch ein Bild für uns. Wenn wir warten, ist es manchmal besser, nicht starr zu verharren, sondern auf die Schritte Gottes zuzugehen, die uns entgegenkommen. Für die Zeiten der Dunkelheit gibt Gott uns kleine Lichter mit auf den Weg. Sie helfen uns weiterzugehen, uns nicht zu verlieren und die Richtung zu behalten. Diese Lichter sind Begegnungen, Hoffnungen, Mut, kleine Zeichen, an denen wir spüren, du bist nicht alleine. Vielleicht ist das die wichtigste Erfahrung: Wer bereit ist, sein Herz zu öffnen, wer die kleinen Lichter wahrnimmt, der kann Gott begegnen, mitten in der Dunkelheit, mitten im Alltag. Denn das Licht kommt auf uns zu, auch wenn wir es nicht immer vorhersehen können. Und so bleibt: immer wieder aufbrechen, Licht suchen, den Blick öffnen und dem Licht erlauben, uns zu führen.

  • August 5 · 80 hr 50 min

    Chaos ist viel mehr als Unordnung / Morgenimpuls mit Pfarrer Stefan Wißkirchen

    Um zu verstehen, was Chaos bedeutet, reicht manchmal ein Blick auf einen Schreibtisch, ehrlicherweise sogar manchmal auf meinen eigenen. Aber auf der anderen Seite ist das, was das Wort Chaos angeht, eigentlich harmlos. Denn Chaos ist mehr als die Unordnung auf dem Schreibtisch. Sprachforscher führen das Wort Chaos auf das Griechische zurück, verwandt mit dem Bild eines gähnenden Abgrunds. Chaos ist das, wo der Boden fehlt, wo alles ins Rutschen gerät. In der Bibel hat dieses Chaos ein berühmtes Bild, das Meer. Darum spricht das Markus-Evangelium nicht einfach vom See von Kafarnaum, sondern ganz auffällig vom Meer. Das ist kein Urlaubsbild, kein Strandkorb. Das Meer steht für ihn, für Gewalt, für Bedrohung, für diesen Abgrund. Und genau dort sitzen die Jünger im Boot. Der Sturm tobt, Orientierung geht verloren, Lebensgefahr, Chaos pur. Solches Chaos kennen wir auch nach einem Verlust, nach einer Trennung, nach einem beruflichen Scheitern oder mitten in einer schweren Krankheit; Momente, in denen man keinen Ausweg mehr sieht. Der Abgrund ist nah. Das ist Chaos. Die Bibel nennt diesen Zustand auch Tohuwabohu, ungeordnet, haltlos, schutzlos. Und dort beginnt Gottes Schöpfung. Schweig, sei still, mit diesen Worten setzt Jesus dem Chaos eine Grenze. Gott schafft Kosmos. Aus Tohuwabohu wird Ordnung, aus Sturm wird Stille. Bemerkenswert an der Bibelstelle: Jesus schläft zunächst auf dem Boot. Kein hektisches Eingreifen, kein panischer Aktionismus. Er ruft nicht aus der Situation heraus. Er ruft zur Gestaltung, zum Innehalten, zum Vertrauen. Das Wunder, das Zeichen besteht nicht nur darin, dass der Sturm sich legt, sondern darin, dass Gott mitten im Chaos gegenwärtig ist. Paulus sagt es so: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Vielleicht ist das die entscheidende Frage: Wie kann ich mit ihm auch mein Chaos gestalten und zum Kosmos werden lassen? Wie kann ich lernen, nicht nur in den Abgrund zu starren, sondern mit Christus neue Ordnung, neue Hoffnung, neues Leben zu wagen? Denn Gott spricht nicht nur über das Chaos. Er spricht mitten hinein und es wird still.

  • August 4 · 79 hr 43 min

    Feindesliebe bedeutet nicht Naivität / Morgenimpuls mit Pfarrer Stefan Wißkirchen

    "Du sollst deinen Nächsten lieben, du sollst deine Feinde lieben. Wahrscheinlich, weil es oft die gleichen Menschen sind." Dieser provokante Satz stammt von Gilbert Keith Chesterton, einem englischen Autor. Feinde machen das Leben nicht leichter. Man kann sich an ihnen abarbeiten. Sie verursachen Ärger und doch führen sie manchmal zu ungeahnten Verbindungen. Vielleicht hat Siegmund Freud deshalb von der Unmöglichkeit der Feindesliebe gesprochen, doch wer ist eigentlich mein Feind? Manchmal sogar ich selbst. Und wie kann man Feindesliebe überhaupt erreichen? König David und König Saul aus dem Alten Testament sind ein bekanntes Beispiel dafür. Saul hat Angst, dass David seine Amt will. David zeigt Können, verschont aber Saul, seinen Schwiegervater. Er achtet die Auserwählung des gesalbten Königs. David ist dabei kein Engel. Im Gegenteil: Intrigen, Ehebruch, Machtspiele; er hat alles drauf. Und trotzdem endet der Streit bei ihm. Saul und David begegnen sich danach nie wieder. Die Feindschaft hat ihr Ende, zumindest bei David. Feindesliebe heißt nicht naiv zu sein. Es heißt, Feindschaft und Verantwortung klar zu benennen. Vergeben bedeutet nicht gut heißen, aber: "Jesus ist der Meister des Unmöglichen", sagt Charles de Foucauld. Die Gemeinde in Korinth war völlig zerstritten. Paulus gibt das menschlich Unmögliche nicht auf, indem er die göttliche Möglichkeit in den Streit der Menschen hineinbringt. Er erinnert uns daran, was ist unser Streit, wenn wir das Himmelreich als Ziel in Jesus Christus nicht vergessen. Denn dieses Vergängliche, so schreibt er, muss sich mit Unvergänglichkeit bekleiden und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit. Ein Perspektivwechsel kann Wunder wirken; wer ist Freund und wer ist Feind, wer ist mein Feind und wie kann ich ihn überwinden? Indem ich mich von Gott lieben lasse, kann ich auch im anderen Gott lieben. Indem ich mich von Gott tragen lasse, kann ich den Feind in mir selbst überwinden. Beileibe: Feindesliebe ist kein leichter Weg und nicht etwas, das man so nebenbei macht, aber sie ist möglich durch Liebe, Geduld und Vertrauen in Gott.

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