

SightCity Forum 2026: Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche mit Sehbehinderung: Erkenntnisse und Herausforderungen
Begrüßung & Vorstellung: Sonja Gerth und die Unabhängige Kommission Sonja Gerth arbeitet im Büro der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Die Kommission besteht aus sieben ehrenamtlichen Mitgliedern, darunter Stefan Rixen (Professor für öffentliches Recht), Barbara Kavemann (Professorin für Sozialwissenschaften), Rieke Hoffmann (Professorin, ehemalige Kinderkrankenschwester), Julia Gebrande (Vorsitzende, Professorin für Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Menschen mit Behinderungen), Matthias Katsch (Philosoph, Berater und selbst Betroffener), sowie eine Traumatherapeutin und der Sozialpsychologe Heiner Kolb. Im Büro arbeiten 10 Personen, bundesweit kommen 20 Anhörungsbeauftragte hinzu. Ziele und Arbeitsweise der Aufarbeitungskommission Die Kommission untersucht Ausmaß, Art und Folgen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche seit 1945 in der DDR und der Bundesrepublik, in allen gesellschaftlichen Bereichen. Ziel ist es, Strukturen zu identifizieren, die Missbrauch, Ausbleiben von Hilfe und Vertuschung ermöglicht haben, erwachsenen Betroffenen das Sprechen jenseits von Gerichtssälen und Therapieräumen zu ermöglichen, gesellschaftliche Anerkennung für erlittenes Unrecht zu schaffen, Aufarbeitungsprozesse zu unterstützen und zu kontrollieren sowie Forschung zu initiieren. Betroffene können sich für eine rund zweistündige vertrauliche Anhörung melden oder einen schriftlichen Bericht einreichen; die Kommission führt außerdem Gespräche mit Zeitzeug:innen und Fachkräften, veranstaltet öffentliche Hearings und betreibt ein Geschichtenportal mit über 140 veröffentlichten Berichten. Menschen mit Behinderungen sind seit 2021 ein Schwerpunkt der Kommissionsarbeit; Angebote in Leichter Sprache und Deutscher Gebärdensprache werden kontinuierlich ausgebaut. Zahlen und Fakten: Sexuelle Gewalt gegen Menschen mit Behinderung Seit 2016 hat die Kommission 2.259 vertrauliche Anhörungen und 6 öffentliche Hearings durchgeführt sowie 859 schriftliche Berichte erhalten. Laut einer vom Bundessozialministerium in Auftrag gegebenen Studie hat jede zweite bis vierte Frau mit Behinderung sexuelle Übergriffe in Kindheit und Jugend erlebt; 20 bis 34 Prozent erlebten sexuellen Missbrauch durch Erwachsene – 2- bis 3-mal häufiger als im Bevölkerungsdurchschnitt. Blinde Frauen sind mit 40 Prozent die am zweithäufigsten betroffene Gruppe nach gehörlosen Frauen. Bei 21 bis 43 Prozent setzten sich die Übergriffe im Erwachsenenleben fort. Zur Betroffenheit von Männern mit Behinderung ist die Datenlage bislang unzureichend; die Kommission geht jedoch von einem deutlich erhöhten Risiko aus. Begriffsklärungen und Triggerwarnung Vor der Begriffsklärung spricht Gerth eine Triggerwarnung aus und verweist auf die Möglichkeit, den Raum zu verlassen oder eine Pause einzulegen, sowie auf das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch. Sie erläutert, warum in der Fachwelt zunehmend von „sexualisierter Gewalt" statt „sexuellem Missbrauch" gesprochen wird (Machtausübung statt sexuellem Interesse als Kern des Phänomens), grenzt Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung ab, erklärt das Konzept der Intersektionalität anhand sich überschneidender Diskriminierungsmerkmale sowie den Begriff Paternalismus (Bevormundung aus vermeintlicher Fürsorge). Publikumsabstimmung: Drei Fragen zum Mitdenken Mit Handzeichen beantwortet das Publikum drei Fragen: ob ein erhöhtes Risiko für blinde/sehbehinderte Menschen bekannt ist, wer schon einmal miterlebt hat, dass eine blinde Person gegen ihren Willen angefasst wurde, und ein hypothetisches Schulszenario (eine junge Schülerin verschwindet mit einem deutlich älteren Jugendlichen auf der Schultoilette) – auf das am Ende des Vortrags noch einmal zurückgekommen wird. Warum das Risiko für blinde und sehbehinderte Kinder erhöht ist Genannte strukturelle Faktoren: Abhängigkeit von körpernaher Assistenz (z. B. beim Führen), die schwer von Übergriffen abzugrenzen ist; die Unmöglichkeit, Blicke des Gegenübers zu kontrollieren; Abhängigkeit vom Wohlwollen von Bezugspersonen und der daraus entstehende Loyalitätskonflikt; ein durch ständige Fremdversorgung des Körpers erschwertes Körperbewusstsein; erschwerter Zugang zu Aufklärung über Körper und Sexualität; erschwerte Abwehr und Verteidigung; angezweifelte Glaubwürdigkeit vor Gericht und Behörden; sowie ein Mangel an barrierefreien Hilfe- und Beschwerdeangeboten. Publikumsfragen: Justiz, Polizei und Therapie während laufender Verfahren Themen der Fragerunde: der Wunsch nach einer gesellschaftlichen Instanz, die unabhängig von individueller Anklage urteilt, sowie aktuelle Fortschritte bei kindgerechter Justiz (Childhood-Häuser, in denen Polizei, Sozialarbeit und Therapie ein Kind gemeinsam statt mehrfach befragen); die historisch mangelhafte Schulung von Polizei und Jugendamt im Umgang mit behinderten Betroffenen; sowie die Frage, ob während eines laufenden Strafverfahrens therapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden darf (die Kommission empfiehlt meist, den Strafprozess abzuwarten, verweist aber auf ein zunehmendes Umdenken der Gerichte in dieser Frage). Der Fall SOS-Kinderdorf, Valerias Geschichte und Appell zum Schluss Auf eine Publikumsfrage zu Vorwürfen gegen SOS-Kinderdorf bestätigt Gerth, dass dort nach ihrer Einschätzung systematischer Missbrauch stattgefunden hat, und ordnet dies in die Arbeit der Kommission ein. Zum Abschluss löst sie das eingangs gestellte Schulszenario auf: Es handelt sich um die reale Geschichte der blinden Betroffenen Valeria, deren Schulleiter trotz Beobachtung nichts unternahm. Gerth ruft dazu auf, sich nicht von dem Bild täuschen zu lassen, in Einrichtungen für behinderte Menschen gehe es grundsätzlich sicher zu, und wirbt für die Mitarbeit an einer ab September geplanten Aufklärungskampagne der Kommission, die sich gezielt an Menschen mit Behinderungen richtet. Weitere Informationen: https://sightcity.net/f032008 Bei eigener Betroffenheit: Hilfetelefon Sexueller Missbrauch, bundesweit, kostenfrei, anonym: 0800 22 55 530 (auch online über schreib-ollie.de). Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp
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