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Willkommen beim SightCity Podcast - dem Podcast in deutscher Sprache zur weltgrößten Messe für Blinden- und Sehbehindertenhilfsmittel mit Fachvorträgen, Interviews und Innovationen für mehr Inklusion.

Der SightCity Podcast bringt Ihnen das Beste aus Deutschlands größter Fachmesse für Blinden- und Sehbehindertenhilfsmittel direkt zu Ihnen nach Hause oder unterwegs. Hier finden Sie hochwertige Vortragsmitschnitte von der SightCity, spannende Interviews mit Branchenexperten, Entwicklern und Anwendern sowie exklusive Einblicke in die neuesten Innovationen und Trends.

Von medizinischen Themen über Rehabilitation und Bildung bis hin zu intelligenter Mobilität und Gaming - unser Podcast deckt die gesamte Bandbreite der Hilfsmittelbranche ab. Ob Sie Betroffener, Angehöriger, Fachkraft oder einfach interessiert an inklusiven Technologien sind: Hier finden Sie wertvolle Informationen, praktische Tipps und inspirierende Geschichten.

Moderiert wird der Podcast von Dagmar Krutzki, Geschäftsführerin der SightCity, die Sie mit ihrer langjährigen Branchenerfahrung durch die verschiedenen Themen führt. Freuen Sie sich auf regelmäßige Folgen mit Vortragsmitschnitten, exklusiven Interviews und besonderen Formaten rund um die SightCity und darüber hinaus.

Bleiben Sie auf dem Laufenden über die neuesten Entwicklungen in der Hilfsmittelbranche und lassen Sie sich von den Möglichkeiten moderner Technologien begeistern!

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  • 36 episodes
  • Avg 37 min
  • German
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  • #71
    Monday · 30 min

    SightCity Forum 2026: Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche mit Sehbehinderung: Erkenntnisse und Herausforderungen

    Begrüßung & Vorstellung: Sonja Gerth und die Unabhängige Kommission Sonja Gerth arbeitet im Büro der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Die Kommission besteht aus sieben ehrenamtlichen Mitgliedern, darunter Stefan Rixen (Professor für öffentliches Recht), Barbara Kavemann (Professorin für Sozialwissenschaften), Rieke Hoffmann (Professorin, ehemalige Kinderkrankenschwester), Julia Gebrande (Vorsitzende, Professorin für Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Menschen mit Behinderungen), Matthias Katsch (Philosoph, Berater und selbst Betroffener), sowie eine Traumatherapeutin und der Sozialpsychologe Heiner Kolb. Im Büro arbeiten 10 Personen, bundesweit kommen 20 Anhörungsbeauftragte hinzu. Ziele und Arbeitsweise der Aufarbeitungskommission Die Kommission untersucht Ausmaß, Art und Folgen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche seit 1945 in der DDR und der Bundesrepublik, in allen gesellschaftlichen Bereichen. Ziel ist es, Strukturen zu identifizieren, die Missbrauch, Ausbleiben von Hilfe und Vertuschung ermöglicht haben, erwachsenen Betroffenen das Sprechen jenseits von Gerichtssälen und Therapieräumen zu ermöglichen, gesellschaftliche Anerkennung für erlittenes Unrecht zu schaffen, Aufarbeitungsprozesse zu unterstützen und zu kontrollieren sowie Forschung zu initiieren. Betroffene können sich für eine rund zweistündige vertrauliche Anhörung melden oder einen schriftlichen Bericht einreichen; die Kommission führt außerdem Gespräche mit Zeitzeug:innen und Fachkräften, veranstaltet öffentliche Hearings und betreibt ein Geschichtenportal mit über 140 veröffentlichten Berichten. Menschen mit Behinderungen sind seit 2021 ein Schwerpunkt der Kommissionsarbeit; Angebote in Leichter Sprache und Deutscher Gebärdensprache werden kontinuierlich ausgebaut. Zahlen und Fakten: Sexuelle Gewalt gegen Menschen mit Behinderung Seit 2016 hat die Kommission 2.259 vertrauliche Anhörungen und 6 öffentliche Hearings durchgeführt sowie 859 schriftliche Berichte erhalten. Laut einer vom Bundessozialministerium in Auftrag gegebenen Studie hat jede zweite bis vierte Frau mit Behinderung sexuelle Übergriffe in Kindheit und Jugend erlebt; 20 bis 34 Prozent erlebten sexuellen Missbrauch durch Erwachsene – 2- bis 3-mal häufiger als im Bevölkerungsdurchschnitt. Blinde Frauen sind mit 40 Prozent die am zweithäufigsten betroffene Gruppe nach gehörlosen Frauen. Bei 21 bis 43 Prozent setzten sich die Übergriffe im Erwachsenenleben fort. Zur Betroffenheit von Männern mit Behinderung ist die Datenlage bislang unzureichend; die Kommission geht jedoch von einem deutlich erhöhten Risiko aus. Begriffsklärungen und Triggerwarnung Vor der Begriffsklärung spricht Gerth eine Triggerwarnung aus und verweist auf die Möglichkeit, den Raum zu verlassen oder eine Pause einzulegen, sowie auf das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch. Sie erläutert, warum in der Fachwelt zunehmend von „sexualisierter Gewalt" statt „sexuellem Missbrauch" gesprochen wird (Machtausübung statt sexuellem Interesse als Kern des Phänomens), grenzt Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung ab, erklärt das Konzept der Intersektionalität anhand sich überschneidender Diskriminierungsmerkmale sowie den Begriff Paternalismus (Bevormundung aus vermeintlicher Fürsorge). Publikumsabstimmung: Drei Fragen zum Mitdenken Mit Handzeichen beantwortet das Publikum drei Fragen: ob ein erhöhtes Risiko für blinde/sehbehinderte Menschen bekannt ist, wer schon einmal miterlebt hat, dass eine blinde Person gegen ihren Willen angefasst wurde, und ein hypothetisches Schulszenario (eine junge Schülerin verschwindet mit einem deutlich älteren Jugendlichen auf der Schultoilette) – auf das am Ende des Vortrags noch einmal zurückgekommen wird. Warum das Risiko für blinde und sehbehinderte Kinder erhöht ist Genannte strukturelle Faktoren: Abhängigkeit von körpernaher Assistenz (z. B. beim Führen), die schwer von Übergriffen abzugrenzen ist; die Unmöglichkeit, Blicke des Gegenübers zu kontrollieren; Abhängigkeit vom Wohlwollen von Bezugspersonen und der daraus entstehende Loyalitätskonflikt; ein durch ständige Fremdversorgung des Körpers erschwertes Körperbewusstsein; erschwerter Zugang zu Aufklärung über Körper und Sexualität; erschwerte Abwehr und Verteidigung; angezweifelte Glaubwürdigkeit vor Gericht und Behörden; sowie ein Mangel an barrierefreien Hilfe- und Beschwerdeangeboten. Publikumsfragen: Justiz, Polizei und Therapie während laufender Verfahren Themen der Fragerunde: der Wunsch nach einer gesellschaftlichen Instanz, die unabhängig von individueller Anklage urteilt, sowie aktuelle Fortschritte bei kindgerechter Justiz (Childhood-Häuser, in denen Polizei, Sozialarbeit und Therapie ein Kind gemeinsam statt mehrfach befragen); die historisch mangelhafte Schulung von Polizei und Jugendamt im Umgang mit behinderten Betroffenen; sowie die Frage, ob während eines laufenden Strafverfahrens therapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden darf (die Kommission empfiehlt meist, den Strafprozess abzuwarten, verweist aber auf ein zunehmendes Umdenken der Gerichte in dieser Frage). Der Fall SOS-Kinderdorf, Valerias Geschichte und Appell zum Schluss Auf eine Publikumsfrage zu Vorwürfen gegen SOS-Kinderdorf bestätigt Gerth, dass dort nach ihrer Einschätzung systematischer Missbrauch stattgefunden hat, und ordnet dies in die Arbeit der Kommission ein. Zum Abschluss löst sie das eingangs gestellte Schulszenario auf: Es handelt sich um die reale Geschichte der blinden Betroffenen Valeria, deren Schulleiter trotz Beobachtung nichts unternahm. Gerth ruft dazu auf, sich nicht von dem Bild täuschen zu lassen, in Einrichtungen für behinderte Menschen gehe es grundsätzlich sicher zu, und wirbt für die Mitarbeit an einer ab September geplanten Aufklärungskampagne der Kommission, die sich gezielt an Menschen mit Behinderungen richtet. Weitere Informationen: https://sightcity.net/f032008 Bei eigener Betroffenheit: Hilfetelefon Sexueller Missbrauch, bundesweit, kostenfrei, anonym: 0800 22 55 530 (auch online über schreib-ollie.de). Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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  • #70
    Monday · 25 min

    SightCity Forum 2026: 3 Dinge, die dein iPhone wirklich kann: Wenn VoiceOver zu deinem Werkzeug wird

    Begrüßung & Vorstellung: Jürgen Fleger von ApfelFleger Jürgen Fleger gründete 2010 die Firma ApfelFleger und hat seitdem viele hundert Menschen im Umgang mit iPhone, iPad und Mac geschult. Der Vortragstitel stand schon im Programm; als er ihn ausarbeitete, merkte er aber: Die eigentlich spannende Geschichte ist nicht die Technik selbst, sondern der Weg dorthin. Besonderheit des Vortrags: keine Folien, keine Bildschirmpräsentation – nur Erzählung. Der Titel und sein wahres Thema: Was macht Technik mit einem Menschen? Untertitel des Untertitels: „Eine persönliche Reise von peinlichen Hilfsmitteln zu selbstverständlicher Technologie." Fleger erklärt: Viele interessieren sich für Technik nicht wegen der Technik selbst, sondern wegen der Momente, in denen plötzlich etwas möglich wird, das durch Blindheit oder Sehbehinderung vorher schwierig war. Kein klassischer Technikvortrag mit App-Aufzählung, sondern drei kurze Geschichten aus seinem Leben. Geschichte 1: Die peinlichen Hilfsmittel der Schulzeit Mit 14 Jahren kam Fleger, zuvor vollsehend, an eine Sehbehindertenschule – neu, fremd, weit weg von zu Hause. Die dort bereitgestellten Hilfsmittel (ein großes Bildschirmlesegerät, ein höhenverstellbarer Schultisch, dicke „Pickellupen") empfand er als klobig und hässlich. Weil er mit 14 einfach normal sein wollte, benutzte er sie kaum – die Hilfsmittel fühlten sich für ihn wie ein Stigma an, nicht wie Unterstützung. Im ersten Zeugnis stand die Bemerkung „Jürgen benutzt seine Hilfsmittel nicht", die seine Eltern unterschreiben mussten. Geschichte 2: Das Braille-Notizgerät an der Uni Einige Jahre später, an der Universität, war Fleger schon erfahrener im Umgang mit Hilfsmitteln, aber auch blinder – Vergrößerung half nicht mehr. Als Antwort auf die Frage, wie er sich im Studium Notizen machen könne, bekam er ein elektronisches Braille-Notizgerät (etwa DIN-A4-groß, mit laut klackernden Plastiktasten). Er lernte, im Seminar leiser zu tippen, um nicht zu stören – und hatte zum ersten Mal das Gefühl: Das ist ein Werkzeug, mit dem ich etwas schaffen kann. Geschichte 3: Der erste Mac und die Revolution in der Hosentasche Jahre später, längst routiniert am Computer, arbeitete Fleger mit einem Kopfhörer im einen Ohr (Screenreader) und dem anderen Ohr beim Dozenten – auch das ein ständiger Kompromiss zwischen Technik, Abstürzen und Abhängigkeiten. Die große Veränderung kam mit seinem ersten Mac: Stolz, ihn eingerichtet zu haben, aber ratlos, wie er ihn um halb ein Uhr nachts wieder ausschalten sollte. Rückblickend erkennt Fleger: Alle drei Lebensphasen – der 14-Jährige, der Student, der Berufstätige – finden ihre Lösung heute gebündelt in einem einzigen Gerät in seiner Hosentasche. Was ein Smartphone wirklich können muss Für die meisten Menschen reichen ein paar grundlegende Funktionen: telefonieren, Nachrichten lesen und schreiben, Orientierung, Notizen machen. Zwei Beispiele aus dem Alltag: Als Fleger versehentlich eine Station zu früh in Duisburg ausstieg, löste ein Videoanruf per Smartphone binnen Sekunden ein Problem, das früher eine Katastrophe gewesen wäre. Und: Wo blinde Menschen traditionell sehr viel Gedächtnisleistung investieren müssen, entlastet ihn die Technik heute durch Diktierfunktionen, KI-gestützte Umwandlung von Sprachnotizen in Text oder To-do-Listen und sogar automatisch formulierte E-Mails. Drei Kernbotschaften zum Mitnehmen Man muss nicht alles am Smartphone können – ein paar wenige Funktionen reichen für den Anfang aus. Gute Technik schafft Platz im Kopf, dafür ist sie gedacht. Und: Ein iPhone ersetzt keine Fähigkeiten, sondern hilft, sie wieder zu nutzen – bei Orientierung, beim Festhalten von Gedanken, und dabei, entspannter durch den Tag zu gehen. Am Ende geht es nicht um Technik, sondern um Erleichterung im Alltag. Publikumsfragen: Lernangebote, Android und Braillezeile In der Fragerunde geht es um Lernmöglichkeiten bei ApfelFleger (auch online für iPad und Mac, beim iPhone aus didaktischen Gründen meist nur in Präsenz), um Android-Geräte (Bedienungshilfen und der Screenreader TalkBack existieren, Fleger empfiehlt aber aus eigener Erfahrung das iPhone-Ökosystem), um Punktschrift am iPhone über die virtuelle Braille-Tastatur sowie darum, wie man gleichzeitig telefonieren und Notizen lesen kann. Weitere Informationen: https://sightcity.net/f032007 Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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  • #69
    Monday · 26 min

    SightCity Forum 2026: Barrieren überwinden. Erfahrungsbericht O&M-Training mit einem taubblinden Jugendlichen im Blindeninstitut Würzburg

    Begrüßung: Lukas begrüßt selbst in Gebärdensprache Lukas selbst eröffnet den Vortrag mit einem kurzen Begrüßungswort in Gebärdensprache, das Jürgen Pavelka für das Publikum übersetzt: Lukas berichtet, dass er gerade selbständig mit dem Langstock ins Dachgeschoss läuft. Wer ist Lukas? Diagnose und Ausgangssituation Jürgen Pavelka arbeitet seit 29 Jahren am Blindeninstitut Würzburg (Erstausbildung Heilerziehungspflege), davon 25 Jahre im Gruppendienst, mit einigen Jahren Erfahrung im Taubblindenbereich. Lukas wurde 2010 taubblind geboren, ist heute 16 Jahre alt: rechtes Auge 0 Lux (keine Lichtwahrnehmung), linkes Auge 0,02 Visus – gesetzlich blind. Mit 4 Monaten erhielt er ein Cochlea-Implantat, die erste Reaktion auf akustische Reize zeigte sich mit 8 Jahren. Mit 2 Jahren und 9 Monaten kam er ins Blindeninstitut Würzburg und konnte zu diesem Zeitpunkt weder laufen noch krabbeln, sondern bewegte sich rückwärts robbend. Laufen lernte er erst mit 7 Jahren, zunächst nur mit Personenkontakt oder an Wänden entlang. Der aktuelle Stand: Sprache, Zeitgefühl und Rechnen Heute verfügt Lukas über einen Gebärdenwortschatz von mehreren tausend Gebärden, passt sein sprachliches Niveau an sein Gegenüber an, liest und schreibt Punktschrift und kennt das Fingeralphabet. Er hat ein vollständiges Zeitverständnis (Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre) und rechnet im Tausenderbereich – seine frühere Lehrerin berichtet, dass es nach dem Verständnis des Zehnerschritts ein Selbstläufer wurde. Videobeispiele: Vom Stiftungsgelände in die Stadt Anhand von Videos zeigt Pavelka, wie Lukas eine ihm unbekannte Umkleide betritt, sofort die Garderobe erfasst und gebärdet „Jacke anziehen" – ein Beispiel für seine Fähigkeit, komplexe Situationen sofort zu verstehen und einzuordnen. Das Training begann auf dem weitläufigen, kurvigen Stiftungsgelände (20 Gebäude, kaum taktile Wegmarkierungen); Lukas gehört zu nur zwei Klient:innen in Pavelkas Laufbahn, die sich dort komplett orientieren können. Weitere Stationen: der Bäcker in der Nähe, wo Lukas nach Handgelenken tastet, um Geschlecht und Größe der Bedienung einzuschätzen (inklusive einer humorvollen Fehleinschätzung bei einer Person mit dünnen, unbehaarten Handgelenken). Alleine laufen: Vertrauen und Sicherheitsausrüstung Obwohl Lukas orientierungstechnisch dazu in der Lage wäre, allein zu laufen, hatte er lange Angst wegen seines unsicheren Gangbilds. Durch Knieschoner, Ellenbogenschoner und Helm gewann er Sicherheit; heute läuft er auf bekannten Wegen selbständig, wenn Pavelka ihn dazu auffordert, und fragt dabei stolz nach, ob dieser noch zuschaut. Neue Umgebungen erschließen: Werkstatt, Lager und Hauptbahnhof Pavelka bringt Lukas heute weniger neue O&M-Techniken bei, sondern erschließt mit ihm neue Umweltmuster: die Werkstatt des Blindeninstituts mit Kreissägen und Bohrern, das Lager mit Gabelstaplern (inklusive einer kleinen Geschichte um Sicherheitsschuhe, die Lukas trotz scheinbar fehlender Reaktion vollständig verstanden hatte) und seit zwei Wochen der Hauptbahnhof Würzburg mit Vorhalle, Geschäften und Getränkeautomat. Ein Beispiel für Lukas' Gedächtnis und Neugier: Beim dritten Besuch des Drogeriemarkts Müller gebärdete er zehn Meter vorher „ich rieche das Geschäft". Akustik als neue Ressource: Cochlea-Implantat und Ampeltöne Da Lukas' Cochlea-Implantat schrittweise lauter gestellt wird, kann er zunehmend akustische Reize in seine Orientierung einbeziehen: Er klopft mit dem Langstock gegen Hohlstellen in Wänden als Orientierungspunkte, imitiert den Freigabeton der Ampel und lernt inzwischen mit Pavelka richtige Kreuzungsanalysen (welche Autos aus welcher Richtung, wann ist die Ampelphase). Publikumsgespräch und Nachgespräch mit der Moderatorin Nach dem Vortrag (bei dem die vorbereiteten Videos technisch nicht abgespielt werden konnten) gibt es keine Fragen aus dem Publikum, dafür ein persönliches Gespräch mit der Moderatorin über Lukas' Entwicklung – etwa, wie er die Höhe einer Mauer mit dem Langstock abschätzt und mit der eigenen sowie Pavelkas Körpergröße vergleicht. Weitere Informationen: https://sightcity.net/f032006 Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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  • #68
    Monday · 32 min

    SightCity Forum 2026: Rechtliche Grundlagen der Hilfsmittelversorgung: Trends und Tipps

    Begrüßung & Vorstellung: RBM gGmbH Dr. iur. Michael Richter ist Geschäftsführer der RBM gGmbH, der sozial- und verwaltungsrechtlich spezialisierten Tochtergesellschaft des DBSV und mehrerer Landesverbände (Vorbild: VdK). Er vertritt seit rund 25 Jahren Betroffene im Sozial- und Verwaltungsrecht, die RBM hat inzwischen fast 10.000 Fälle bearbeitet. Mitglieder der Blindenverbände können sich kostenfrei beraten lassen; seit einer rechtsprechungsbedingten Änderung vor drei Jahren auch rechtlich vertreten – zu rund 65 Prozent der Kosten eines regulären Anwalts. Der große Vorteil: Alle Jurist:innen der RBM sind selbst oder mittelbar betroffen (u. a. blinde bzw. taubblinde Angehörige). Die vier Voraussetzungen für Hilfsmittel von der Krankenkasse Bei privaten Krankenversicherungen gilt reines Vertragsrecht – maßgeblich ist, was im Vertrag steht. Bei der gesetzlichen Krankenkasse ersetzt das Gesetz (§ 33 SGB V) den Vertrag, mit vier klaren Voraussetzungen: (1) Mitgliedschaft in der Krankenkasse zum Zeitpunkt des Anspruchs, (2) Einordnung als Hilfsmittel „im Sinne der Krankenkasse" – speziell zum Ausgleich der Behinderung hergestellt, in Abgrenzung zu Gegenständen des täglichen Gebrauchs wie Smartphones oder Laptops, (3) Notwendigkeit (kein Wahl- und Wunschrecht auf das schönste oder neueste Modell) sowie (4) Wirtschaftlichkeit im Verhältnis von Kosten und Nutzen für Mobilität, Information, Kommunikation und selbständige Alltagsbewältigung. Verordnung, Ablehnung und der Widerspruchsweg Ein Rezept ist entgegen verbreiteter Annahme nur bei der Erstverordnung nötig – ist der Bedarf der Krankenkasse bereits bekannt, braucht es keine neue Verordnung. Dennoch empfiehlt Richter, bei passender Gelegenheit eine Verordnung einzuholen: Sie stärkt den Antrag, da ein Sachbearbeiter kaum gegen eine ärztliche Befürwortung entscheiden kann, ohne den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) einzuschalten. Ablehnungen sind häufig unternehmensökonomisch motiviert – es ist für Kassen oft günstiger, mehrere Anträge abzulehnen und nur einen Teil im Widerspruchsverfahren zu bewilligen. Richters Rat: sich nicht entmutigen lassen, kostenlose Beratung bei der RBM einholen und notfalls klagen – die Erfolgsquote vor Gericht liegt bei rund 70 Prozent. Der zweite Kostenträger: Eingliederungshilfe Für Dinge, die kein „Hilfsmittel im Sinne der Krankenkasse" sind (z. B. ein leistungsfähiges Smartphone als Basis für Assistenz-Apps), kann ein Anspruch gegenüber der Eingliederungshilfe bestehen. Seit der BTHG-Reform sind die Einkommens- und Vermögensgrenzen deutlich angehoben (Vermögensgrenze aktuell über 70.000 Euro, netto rund 3.000 Euro Einkommen im Monat unschädlich); selbstgenutztes, nicht luxuriöses Wohneigentum zählt dabei nicht als Vermögen. Praxisbeispiel: Blindengeld-Anrechnung vor dem Sozialgericht Marburg Am Vortragstag selbst verhandelte Richter vor dem Sozialgericht Marburg einen Präzedenzfall: Ein Landeswohlfahrtsverband (LWV) als Eingliederungshilfeträger wollte 50 Prozent des Blindengeldes auf eine bewilligte Leistung anrechnen. Das Gericht einigte sich stattdessen auf 15 Prozent – deutlich unter den zuvor geforderten 50 Prozent, die laut Richter ohnehin unzulässig gewesen wären, da selbst bei vollstationärer Versorgung nur die Hälfte des Blindengeldes gekürzt wird. Sein Rat: Bei Bescheiden mit 50-prozentiger Anrechnung lohnt sich ein Widerspruch. Moderne Hilfsmittel: Kombigeräte, GPS-Tracker und Blindenführhunde Bildschirmlesegeräte mit zusätzlicher Vorlesefunktion werden von Gerichten zunehmend anerkannt, auch wenn Krankenkassen oft „Doppelversorgung" einwenden – sie helfen besonders Menschen mit Restsehvermögen im Bereich von etwa 2 bis 5 Prozent. Bei Orientierungssystemen (GPS-Tracker in Stöcken, Westen etc.) öffnet sich die höchstrichterliche Rechtsprechung zunehmend, die Durchsetzung bleibt aber anspruchsvoll. Bei Blindenführhunden ist die Rechtslage eindeutig zugunsten der Betroffenen, Krankenkassen verzögern laut Richter jedoch häufig mit Verweisen auf zusätzliches Mobilitätstraining. Publikumsfragen: Schulungen, Anträge und Zuständigkeiten Im ersten Teil der Fragerunde geht es um den Unterschied zwischen der (begrenzten) „Unterweisung im Gebrauch des Hilfsmittels" durch die Krankenkasse und echten Schulungen, die eher über Eingliederungshilfe, Arbeitsagentur, Rentenversicherung oder Integrationsamt laufen. Richter erklärt außerdem den Aufbau eines guten Antrags: keine Paragraphen, sondern eine klare, ehrliche Beschreibung von Problem und Lösung – ohne das eigene Problem kleinzureden. Publikumsfragen: Vermögen, private Versicherung und Sonderfälle Im zweiten Teil geht es um die Vermögensgrenze bei Eingliederungshilfe (selbstgenutztes Wohneigentum zählt nicht), die Wahl zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung (im Hilfsmittelbereich ist die GKV meist im Vorteil), einen Streitfall um ein abgelehntes ZoomText-Programm nach einem Versicherungswechsel, die Zuständigkeit bei Masterstudiengängen (grundsätzlich Teil der Eingliederungshilfe, bei dualen Studiengängen eher die Arbeitsagentur) sowie die Frage nach einer zweiten Braillezeile für inklusiv beschulte blinde Schüler:innen – hier greift ausnahmsweise nicht der Grundsatz der Doppelversorgungs-Vermeidung, wenn eine transportable Zeile nicht zumutbar ist. Weitere Informationen: https://sightcity.net/f032003 Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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  • #67
    Friday · 14 min

    SightCity Forum 2026: Die Woche mit allen Sinnen: Das multisensorische Wochentagsobjektesystem

    Begrüßung & Demonstration: Ein Objekt zum Anfassen Während seine Kollegin Bezugsobjekte mit Duft-Dübeln vorbereitet, die im Publikum herumgereicht werden, eröffnet Vikram Choudhary mit einer einfachen Frage: Woher wissen wir eigentlich, dass heute Donnerstag ist? Warum Wochentage für Taubblinde schwer zu greifen sind Sehende, hörende Menschen entwickeln ihr Zeitgefühl über beiläufige Routinen und soziale Signale des Umfelds – Montag zieht man Arbeitskleidung an, Freitag ist Feierabendstimmung. Für taubblinde Menschen fehlen diese Marker; individuelle Stundenpläne bleiben deshalb oft rein individuell, ohne ein gemeinsames, übergreifendes Zeitgefühl für die ganze Klasse. Die Entstehung: Von der Louis-Braille-Schule zum eigenen System Die Idee entstand ursprünglich an der Louis-Braille-Schule, wo mit 3D-Objekten samt Punktschrift gearbeitet wurde. Das BiTS entwickelte das Konzept weiter – zunächst mit einem Duft-Konzept, das aber nicht in allen Gruppen einheitlich war, dann in einem ersten 3D-Objekt-Projekt mit der Leibniz-Uni Hannover. Eine frühere, rein schwarz-weiß-rote Version erwies sich als nicht barrierefrei genug für Menschen mit Low Vision. Aufbau des Objekts: Form, Farbe, Duft und Struktur Die aktuelle Version orientiert sich am international gebräuchlichen Metacom-Farbsystem (jeder Wochentag hat eine feste, auch international übliche Farbe) und kombiniert das mit einer eigenen Form pro Tag sowie einem charakteristischen Duft über einen Dübel, der in ein rundes Loch im Objekt gesteckt wird. Mittwoch etwa ist blau, hexagonförmig, mit gelbem Dreieckmuster, und riecht nach Cajeput (nahe Teebaumöl, aber milder). Eine Öse am Objekt erlaubt es, zusätzlich auditive oder vibratorische Elemente zu befestigen – hier laufen aktuell Gespräche mit einer auf multisensorische und vibratorisch erfahrbare Objekte spezialisierten Professorin der Universität Kopenhagen. Musikinstrumente als weiterer Sinneskanal In manchen Klassen sind die Wochentags-Objekte zusätzlich mit Musikinstrumenten verknüpft: Montag klingt nach Vibraslap, Dienstag nach Becken, Donnerstag nach Trommel, Freitag nach einem sehr taktilen Perkussionsinstrument (Cabasa). Das System wurde bereits auf der Deafblind International Asia Conference (als Poster) sowie auf einer Fachkonferenz zu taktilem Lesen in Amsterdam vorgestellt. Ein inklusives System für jede Seh- und Hörbehinderung Da die Schülerschaft des BiTS von geburtstaubblind bis zu Schüler:innen mit nur leichtem Seh- oder Hörrest reicht, funktioniert das System für alle gleichzeitig: Wer Brailleschrift liest, ertastet den Tag in Braille; wer nur tasten kann, ertastet die Form; wer nur riechen kann, riecht den Duft; wer ein Cochlea-Implantat (CI) trägt, hört den zugehörigen Klang. Ziel ist ein wirklich inklusives Wochentagssystem, das auch Lehrkräfte an Regelschulen mit einzelnen betroffenen Kindern nutzen können. Ergänzend werden Diffusoren eingesetzt, die den jeweiligen Tagesduft in der Raumluft verbreiten, sodass man den Wochentag schon beim Betreten des Raumes riecht. Kooperation mit der Universität Kopenhagen und Ausblick Das Team plant, das System demnächst auf der Nordic-/Deafblind-Konferenz in Kopenhagen vorzustellen, und sucht aktiv Einrichtungen, die bei Weiterentwicklung und Testung mitwirken möchten. Als nächsten Entwicklungsschritt nennt Choudhary unter anderem ein fehlendes haptisches bzw. vibratorisches Element. Großes Ziel: Die Objekte sollen künftig am Schuleingang hängen, sodass ein Druck auf das Objekt automatisch Duft und einen charakteristischen Jingle für den jeweiligen Tag auslöst. Publikumsfragen In der Fragerunde geht es unter anderem darum, ob und wann Brailleschrift bei taubblinden Schüler:innen noch vermittelt wird (abhängig vom Zeitpunkt der Diagnose und vom individuellen Entwicklungsstand – bei entsprechender Reife bleibt Braille das Ziel), um die reale Materialqualität der 3D-gedruckten Objekte gegenüber Naturmaterialien, sowie um den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Evaluation, die dank der Kooperation mit der Universität Kopenhagen professionalisiert werden soll, da die Lehrkräfte selbst dafür kaum Kapazität haben. Weitere Informationen: https://sightcity.net/f032005 Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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  • #66
    Friday · 32 min

    SightCity Forum 2026:Get Ready With Me: Ein Tag im Leben taubblinder Menschen im Deutschen Taubblindenwerk

    Begrüßung & Vorstellung: Inez Aschenbrenner und Vikram Choudhary Inez Aschenbrenner ist Lehrerin am Deutschen Taubblindenwerk bzw. am Bildungszentrum Hören Sehen Kommunikation, mit Studium der Sonderpädagogik, einem Aufbaustudium in Hamburg (Seh- und Hörbehinderung) und einer Zusatzausbildung in Low Vision. Vikram Choudhary arbeitet ebenfalls als Lehrer am Bildungszentrum, hat in Groningen zu Geburtstaubblindheit und Kommunikation studiert und vorher als Reha-Lehrer sowie im Gruppendienst gearbeitet. Beide halten diesen Vortrag zum ersten Mal gemeinsam. Was ist Taubblindheit? Definition und Abgrenzung Taubblindheit ist eine eigenständige Behinderungsart, keine bloße Kombination aus Blindheit und Gehörlosigkeit: Ein gehörloser Mensch sieht ein Auto, ein blinder Mensch hört es – ein taubblinder Mensch findet ohne geeigneten Partner die Straße gar nicht. Das Deutsche Taubblindenwerk und das Bildungszentrum BiTS Das Deutsche Taubblindenwerk bietet lebenslange Unterstützung für taubblinde Menschen und umfasst u. a. zwei Wohnheime (Hannover und Fischbeck), eine Werkstatt für behinderte Menschen, ambulant betreutes Wohnen, die Ausbildung zur taubblinden Assistenz sowie die EUTB-Beratungsstelle für Niedersachsen. Das Bildungszentrum Hören Sehen Kommunikation (kurz BiTS) umfasst eine Förderschule mit angegliederter Werkstufe (bis zum 13. Schulbesuchsjahr, mit Internat), ambulante und mobile Frühförderung, einen Sonderkindergarten sowie eine pädagogische Beratungsstelle. Aktuell werden 59 Schüler:innen unterrichtet (davon 19 im Internat), in Klassen von 4 bis 6 Kindern unterschiedlichen Alters, betreut von 3 bis 5 Erziehenden je nach Gruppenform. Kommunikationsentwicklung: Vom präintentionalen Bereich zur Co-Creating Communication Bei geburtstaubblinden Schüler:innen ist die Taktilität der zuverlässigste Wahrnehmungskanal; olfaktorische und propriozeptive Reize sowie der vestibuläre Sinn und die Tiefenwahrnehmung sind ebenfalls gut nutzbar. Manche Schüler:innen befinden sich im präintentionalen oder frühintentionalen Kommunikationsbereich (Körpersignale und Mimik als Hauptzugang), andere haben Begriffe, aber keine Möglichkeit, sich selbst auszudrücken. Ausgangspunkt der pädagogischen Arbeit ist nicht der medizinische Befund (Sehgrad, Hörrest), sondern die individuelle Ausgangssituation jedes Kindes. Zentraler wissenschaftlicher Ansatz ist die Co-Creating Communication: Kommunikation auf körpernaher Ebene, die gemeinsam ausgehandelt wird, orientiert an dem, was ein Kind am liebsten macht (z. B. Schaukeln oder bestimmtes Essen als erste „Worte"). Erwähnt wird auch die aus den USA stammende „Pro-Tactile"-Bewegung als Bezugspunkt für taktile Sprache. Bezugsobjekte: Stabile Kommunikationsmittel im Alltag Anders als flüchtige Kommunikationsmittel wie gesprochene Sprache bleiben stabile Mittel wie Piktogramme, Bezugsobjekte oder Schrift bestehen und können mitgenommen, abgelegt und in Tagesplänen sortiert werden. Ein Bezugsobjekt sollte möglichst nah am tatsächlichen taktilen Erleben sein (z. B. ein Stück Teppich, das sich wie die Wand der Turnhalle anfühlt) statt eine visuelle Miniatur (z. B. ein Spielzeugfußball für „Sport"), da rein visuelle Symbole für taubblinde Kinder keinen Sinn ergeben. Über die Zeit können Bezugsobjekte in eine symbolischere, abstraktere Form übergehen. Fallbeispiel Annie: CHARGE-Syndrom im Schulalltag Annie (geboren 09/2008) hat das CHARGE-Syndrom, keine Gehörgänge und ist rechts durch ein Aderhautkolobom stark sehbehindert (ca. 10 % Sehvermögen, funktionell aber gut genutzt) sowie links blind; zusätzlich hat sie Zöliakie. Sie durchlief vier Schulen mit unterschiedlichen Kommunikationsansätzen, darunter eine Phase mit ausschließlicher Gebärdensprache, die sie zwar teilweise verstand, aber selbst nicht nutzte. Am BiTS wird seit ihrem Wechsel mit Piktogrammen auf einem Stundenplan gearbeitet, den sie selbständig abarbeitet. Videos zeigen, wie sich ihre früher stark ausgeprägte Selbstverletzung reduziert hat, seit sie durch das Piktogramm-System weiß, was als Nächstes passiert, und sich – etwa durch Verweis auf ihren Therapiestuhl – aktiv an Entscheidungen beteiligen kann. Fallbeispiel Mila: Morgenroutine und Kommunikationsentwicklung Mila ist 14 Jahre alt, geburtstaubblind, mit 600 Gramm geboren und zeigte in früheren Einrichtungen starke Auto- und Fremdaggression, da sie dort nicht verstanden wurde. Seit sie im vergangenen Jahr ins Taubblindenwerk und seit August dieses Jahres in die Klasse kam, wird mit ihr auf taktiler Ebene gearbeitet. Ein Video zeigt ihre Morgenroutine: Über einen taktilen Schlafrhythmus-Plan erkennt sie, ob sie an diesem Tag im Internat bleibt oder nach Hause geht, kann beim Aufstehen mitdiskutieren und ihre Kleidung selbst auswählen – ein deutlicher Entwicklungsschritt gegenüber ihrer früheren Kommunikationslosigkeit. Weitere Praxiseinblicke: Sinnesförderung im Unterricht Weitere Ausschnitte zeigen Mila beim selbständigen Essen mit Besteck (nach vorheriger Sondenernährung) sowie sinnesbezogene Angebote wie taktil-orale Erkundung von Musikinstrumenten und Bewegungsangebote in der Turnhalle mit taktil erfahrbaren Wänden, die über einen langen, vertrauensbasierten Prozess aufgebaut wurden. Weitere Informationen: https://sightcity.net/f032004 Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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  • #65
    September 17 · 55 min

    SightCity Forum 2026: Medizinisch-ophthalmologische Rehabilitation: Wann sinnvoll, wie beantragen?

    Begrüßung & Was ist medizinische Rehabilitation? Kathleen Kunert leitet die seit 70 Jahren bestehende Rehabilitationsklinik Masserberg, die sich auf augenheilkundliche Reha spezialisiert hat. Medizinische Rehabilitation schaut nicht nur auf die Erkrankung selbst, sondern darauf, was die Augenproblematik mit dem Menschen in allen Lebensbereichen macht – mit dem Ziel, soziale und berufliche Teilhabe zu verbessern und Pflegebedürftigkeit zu verhindern oder zu mindern. Ein zentrales Problem: Der Rehabilitationsanspruch bei Sehbeeinträchtigung ist in Deutschland nur sehr unvollständig erfüllt – anders als etwa in der Orthopädie oder Onkologie ist das System „Reha vor Rente" in der Augenheilkunde kaum etabliert. Versorgungssituation in Deutschland nach Altersgruppen Norbert Schrage ordnet die Zahlen ein: 1,2 Millionen Sehbehinderte in Deutschland, Tendenz steigend durch den demografischen Wandel. Bei Kindern und Jugendlichen (rund 600.000 mit Förderbedarf) ist die Versorgung über Frühförderung und integrative Schulen vergleichsweise gut geregelt, wenn auch regional sehr unterschiedlich (Bayern schneidet laut Schrage bundesweit am besten ab). Bei Erwerbstätigen geht es vor allem um den Grundsatz „Reha vor Rente" – volkswirtschaftlich hochrelevant, aber in der Augenheilkunde zu selten genutzt: Viele Patient:innen werden stattdessen jahrelang krankgeschrieben und verlieren am Ende ihren Erwerbsstatus. Bei Rentner:innen geht es um „Reha vor Pflege" – ein Bereich, in dem Anträge oft mit dem Argument abgelehnt werden, die Person sei „ja schon berentet". Warum die Augenheilkunde in der Reha-Versorgung zurückliegt Von rund 1,6 Millionen jährlich beantragten Reha-Leistungen in Deutschland entfällt auf die Augenheilkunde nur ein verschwindend kleiner Anteil (deutlich unter einem Promille) – die Rehabilitationsklinik Masserberg mit aktuell 135 Betten (Start 2018 mit 40 Betten) deckt praktisch den gesamten stationären Bedarf bundesweit ab, ergänzt durch die Salus-Klinik Hürth bei Köln. Es fehlt vor allem ein ambulantes Konzept sowie eine strukturierte Rehalehrer-Ausbildung: Aktuell läuft diese über den Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband und erfordert eine dreijährige unbezahlte Weiterbildung, die rund 50.000 Euro kostet – entsprechend wenige Menschen ergreifen den Beruf, während gleichzeitig rund zwei Drittel der aktiven Rehalehrer:innen in den nächsten fünf Jahren in den Ruhestand gehen. Therapieangebote: Kompensation, Hilfsmittel und Peer-Austausch Die Klinik arbeitet mit einem multiprofessionellen Team aus Sozialarbeiter:innen, Psycholog:innen, Psychotherapeut:innen, Physio- und Ergotherapeut:innen, Augenärzt:innen, Optometrist:innen und Orthoptist:innen. Behandelt werden medizinisch mögliche Verbesserungen (z. B. an der Augenoberfläche), Kompensationsstrategien (Hören und Tasten statt Sehen), die Anpassung an Umweltbedingungen sowie der Umgang mit Hilfsmitteln von der Lupe bis zu elektronischen Systemen und Smartphone-Schulungen. Ein wichtiger, oft unterschätzter Baustein ist der Austausch unter Betroffenen (Peer-Group): Themen, die im Arzt- oder Therapiegespräch selten zur Sprache kommen, werden dort offener besprochen. Berufliche Rehabilitation (MBOR) und Wiedereinstieg ins Arbeitsleben Die medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR) klärt individuell, was Betroffene brauchen, um im Job zu bleiben oder zurückzukehren – von angepassten Bildschirmarbeitsplätzen bis zu sprechenden Berufen. Wichtig: Auch mit 60 Jahren besteht noch Anspruch auf eine Umschulung. Ein zentrales Thema ist zudem eine bislang zu wenig versorgte Patient:innengruppe: Menschen mit neurologisch bedingten Sehstörungen (z. B. nach Schlaganfall), deren visuelle Einschränkungen im Rehaprozess oft übersehen werden. Wie beantrage ich eine Reha? Praktische Schritte Zentrale Botschaft: Anders als etwa nach einer Hüft-OP beantragt der Augenarzt oder die Augenärztin die Reha nicht automatisch – Betroffene müssen selbst aktiv werden und den Antrag in der Regel selbst ausfüllen (online über die Rentenversicherung möglich). Wichtig ist, dass die Augendiagnose im Antrag an oberster Stelle steht, damit dieser nicht versehentlich in einer anderen Fachrichtung landet. Ein unterstützender Befundbericht der Augenärztin oder des Augenarztes wird empfohlen (und honoriert, aktuell ca. 41 Euro) und kann eingefordert werden; wird kein Antrag innerhalb von sechs Wochen bearbeitet, ist der angefragte Leistungsträger gesetzlich verpflichtet, sich um die Klärung des richtigen Kostenträgers zu kümmern. Ausblick: Lotsenkonzept, ambulante Reha und neurovisuelle Rehabilitation Als nächste Schritte nennen die Referent:innen: ein Lotsenkonzept, das Betroffene und Erstversorger durch das unübersichtliche System führt, ein Pilotprojekt für einen ambulanten Reha-Standort, eine bessere Definition von Schweregraden für die Aufnahme in den AHB-Katalog (bislang nur für Tumorerkrankungen des Auges) sowie den Aufbau einer neurovisuellen Rehabilitation für Menschen mit neurologisch bedingten Sehstörungen. Publikumsfragen Im Anschluss beantworten Kunert und Schrage zahlreiche Fragen aus dem Publikum und dem Online-Chat – von der konkreten Antragstellung über den Umgang mit PreserFlo-Implantaten bis zu Online-Schulungsangeboten und der Situation privat Versicherter. Weitere Informationen: https://sightcity.net/f032002 Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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  • #64
    September 10 · 41 min

    SightCity Forum 2026: Patientensymposium Glaukom

    Begrüßung & Einführung: Das Bild von Anna und Lisa Dr. Münz eröffnet mit einem Bildvergleich: Während ein gesundes Auge zwei Personen beim Fahrradfahren klar erkennt, fehlt im Bild eines fortgeschrittenen Glaukom-Auges eine der beiden Personen – ohne dass die Betroffenen dies selbst bemerken würden. Diese Frage – wie es dazu kommt und wie man ein Glaukom erkennt – zieht sich durch den ganzen Vortrag. Was ist ein Glaukom? Definition, Herkunft und Häufigkeit Das Glaukom ist die zweithäufigste Erblindungsursache in Industrienationen; in Entwicklungsländern ist die Erblindungshäufigkeit deutlich höher. Ab dem 80. Lebensjahr sind rund 10 Prozent der Bevölkerung betroffen, meist mit mildem Verlauf. Weltweit sind etwa 3,5 Prozent der Bevölkerung betroffen (2013: 65 Millionen, Hochrechnung bis 2040: rund 110 Millionen). In Deutschland leben etwa 900.000 Menschen mit einem grünen Star – rund die Hälfte davon unerkannt. Der Name „Glaukom" stammt vom altgriechischen „glaukos" (hell, glänzend, leuchtend) und geht auf Hippokrates zurück; die Herkunft der deutschen Bezeichnung „grüner Star" ist nicht eindeutig geklärt. Medizinisch ist das Glaukom definiert als Erkrankung des Sehnervs mit typischen Veränderungen, fortschreitendem Verlauf und Gesichtsfeldverlust. Risikofaktoren und der Augeninnendruck Der Hauptrisikofaktor ist der erhöhte Augeninnendruck – wichtig dabei: Ein hoher Augendruck ist nicht gleichbedeutend mit einem Glaukom. Weitere Risikofaktoren sind familiäre Belastung, hohes Alter und, als anatomischer Faktor, Kurzsichtigkeit. Ursache ist meist ein gestörtes Gleichgewicht zwischen Produktion und Abfluss des Kammerwassers über das Trabekelmaschenwerk, wodurch der Augendruck steigt und der Sehnerv geschädigt wird. Symptome: Warum ein Glaukom lange unbemerkt bleibt Ein Glaukom verursacht keine Schmerzen und schreitet sehr langsam voran – das Gehirn kompensiert Gesichtsfeldausfälle, indem es fehlende Bildinformationen ergänzt. In einer Untersuchung mit 50 Glaukompatient:innen mit beidseitigem Gesichtsfelddefekt nahm ein Viertel der Betroffenen überhaupt nichts wahr, niemand nahm den charakteristischen „Tunnelblick" wahr. Das führt dazu, dass viele Betroffene erst in späten Krankheitsstadien zum Augenarzt gehen. Diagnostik: Augendruckmessung, OCT und Gesichtsfeld Drei Untersuchungen sind zentral: die Augeninnendruckmessung (Goldstandard: Applanationstonometrie nach Goldmann an der Spaltlampe; Alternativen sind Luftstoß-Messung und Rebound-Tonometer wie iCare), die Vermessung des Sehnervs mittels optischer Kohärenztomografie (OCT) sowie die Fundoskopie an der Spaltlampe, und die Gesichtsfelduntersuchung, bei der Patient:innen auf Lichtimpulse reagieren. Als Normwert gilt ein Augendruck bis 22 mmHg (gemessen nach Goldmann) – ein höherer Wert bedeutet aber nicht automatisch ein Glaukom, ein niedrigerer schließt es nicht aus (Niederdruck- bzw. Normaldruckglaukom). Therapie Stufe 1: Augentropfen und Lasertherapie Ein bereits eingetretener Sehnervschaden lässt sich nicht rückgängig machen – Ziel der Therapie ist die Schadensbegrenzung durch Senkung des Augendrucks. Stufe 1 umfasst Augentropfen (verschiedene Wirkstoffe und Kombinationspräparate, die entweder die Kammerwasserproduktion hemmen oder den Abfluss verbessern) sowie als Alternative die selektive Lasertrabekuloplastik (SLT), ein kurzer, praktisch schmerzfreier Eingriff an der Spaltlampe. Therapie Stufe 2 & 3: Kleine und große Glaukom-Operationen Stufe 2 umfasst kleinere, oft mit einer Katarakt-OP kombinierbare Eingriffe wie den Hydrus-Stent, den iStent oder das Trabectome (Trabekulotomie), die den Kammerwasserabfluss verbessern. Reicht das nicht aus, kommen in Stufe 3 größere Operationen zum Einsatz: die Sickerkissen-Operation (Trabekulektomie) oder Implantate wie das PreserFlo-Implantat oder das Ahmed-Ventil, die einen zusätzlichen Abflussweg schaffen. Diese Eingriffe erfordern eine intensivere Nachsorge. Ergänzend geht Dr. Münz kurz auf alternative Methoden wie Cannabis, Ginkgo-Präparate, Antioxidantien und Akupunktur ein – für keine davon gibt es klinische Evidenz vergleichbar mit Tropfen, Laser oder OP; die Klinik empfiehlt sie höchstens als Ergänzung. Publikumsfragen: Medikamente, Implantate und individuelle Therapie In der ausführlichen Fragerunde geht es unter anderem um Alternativen bei Unverträglichkeit gegenüber mehreren Wirkstoffen (Brimonidin, Latanoprost, Timolol, Dorzolamid), um die Forschung zur Regeneration von Sehnervenschäden, um die wiederholte Implantation von Ahmed-Ventilen, um DMSO-Tropfen, um Alternativen zu Ganfort-Tropfen, um Needling bei vernarbtem Sickerkissen nach Trabekulektomie sowie um Operationen bei bekannter Gerinnungsstörung. Dr. Münz betont durchgehend: Glaukom-Therapie ist sehr individuell und muss gemeinsam mit dem behandelnden Augenarzt bzw. der behandelnden Augenärztin entschieden werden. Weitere Informationen: https://sightcity.net/f032001 Hinweis: Dieser Vortrag ersetzt keine individuelle augenärztliche Beratung. Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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  • #62
    September 9 · 44 min

    SightCity Forum 2026: Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) in Kraft – was nun?

    Begrüßung & rechtlicher Hintergrund Markus Ertel vom DBSV ordnet das BFSG historisch ein: Ausgangspunkt ist die UN-Behindertenrechtskonvention (Art. 9), die Deutschland 2009 ratifiziert hat. Daraus entwickelten sich zwei Stränge: die EU-Richtlinie zur Barrierefreiheit von Websites öffentlicher Stellen (seit 2018 umzusetzen) und – für die Privatwirtschaft – der European Accessibility Act (EAA), 2018 verabschiedet. Das BFSG wurde im Juni 2022 vom Bundestag beschlossen und ist am 28.06.2025 in Kraft getreten; parallel wurde auch der Medienstaatsvertrag angepasst (2. Medienänderungsstaatsvertrag), da audiovisuelle Mediendienste von den Landesmedienanstalten überwacht werden. Zweck des BFSG und Geltungsbereich Das Gesetz ist im Kern ein Verbraucherrecht: Es gilt im Interesse von Verbraucher:innen und Privatpersonen – wer selbstständig ist oder im Rahmen eines Unternehmens handelt, profitiert nicht direkt davon. Das BFSG ist eine harmonisierte EU-weite Regelung: Jedes Mitgliedsland musste den European Accessibility Act in nationales Recht umsetzen; in Österreich etwa heißt das entsprechende Gesetz Barrierefreiheitsgesetz. Betroffene Produkte Zu den Produkten zählen unter anderem Computer, Tablets, Smartphones und Smartwatches, Selbstbedienungsterminals (inklusive Zahlungsterminals), Geldautomaten, Fahrkartenautomaten und Check-in-Automaten, Endgeräte für Telekommunikation und audiovisuelle Dienste (z. B. Router, Smart-TVs) sowie E-Book-Lesegeräte. Betroffene Dienstleistungen und der Medienstaatsvertrag Auf der Dienstleistungsseite geht es u. a. um Telekommunikationsdienste, Personenverkehr (Land, Luft, Wasser), Bankdienstleistungen für Verbraucher:innen, E-Books und Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr (Online-Shops, Bezahlvorgänge). Audiovisuelle Dienste wie Streaming-Anbieter fallen zusätzlich unter den Medienstaatsvertrag – hier gibt es zwei Ebenen: die Verkaufs-/Buchungsplattform (BFSG) und den eigentlichen Dienst (Medienstaatsvertrag). Ausnahmen und Übergangsfristen Kleinstunternehmen (unter 10 Beschäftigten, Bilanzsumme/Umsatz unter 2 Mio. Euro) sind bei Dienstleistungen ausgenommen. Weitere Ausnahmen greifen bei grundlegender Veränderung eines Produkts oder unverhältnismäßiger Belastung – beides muss aber dargelegt bzw. amtlich festgestellt werden, nicht einfach behauptet werden. Für Bestandsgeräte gelten lange Übergangsfristen: Vor dem 28.06.2025 in Betrieb genommene Selbstbedienungsterminals (z. B. Geldautomaten) dürfen bis zu 15 Jahre ab ihrem individuellen Aufstelldatum weiterlaufen; vor diesem Stichtag geschlossene Verträge (z. B. Online-Banking) müssen nicht nachträglich barrierefrei werden. Rechte durchsetzen: Marktüberwachungsstelle, MLBF und Schlichtungsstelle Verbraucher:innen können einen formlosen Prüfantrag bei der Marktüberwachungsstelle der Länder für Barrierefreiheit (MLBF, Kontaktdaten über das Landesportal Sachsen-Anhalt) stellen. Für Angelegenheiten nach dem BGG steht zusätzlich die Schlichtungsstelle nach § 16 BGG offen; bei Diensten nach dem Medienstaatsvertrag ist die zuständige Landesmedienanstalt Ansprechpartnerin. Bei anhaltenden Verstößen drohen Eskalationsstufen bis hin zum Marktverbot sowie Bußgelder. Die Arbeit des DBSV Der DBSV begleitet die Normung mit, testet selbst Durchsetzungswege, stellt Verbandsanträge, berät öffentliche Stellen in Grundlagen- und Praxis-Workshops, bringt Praxiserfahrungen in die politische Arbeit ein und ist im Beirat der Marktüberwachungsstelle vertreten. Über den Usability-Pool vermittelt der DBSV blinde und sehbehinderte Testnutzer:innen an Unternehmen. Rückmeldungen und Fragen nimmt der DBSV unter digital-barrierefrei@dbsv.org entgegen. Weitere Fragen, Sanktionen und Abschlussappell Im Publikumsgespräch geht es unter anderem um Sanktionsmöglichkeiten, Klagen von Mitbewerbern und ihre Grenzen sowie um konkrete Praxisbeispiele bei Banken. Zum Abschluss ruft Markus Ertel dazu auf, Barrieren aktiv zu melden – beim Anbieter direkt, beim DBSV oder über offizielle Beschwerdewege – statt zu resignieren. Kontakt: DBSV, digital-barrierefrei@dbsv.org Weitere Informationen: https://sightcity.net/f032013 Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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  • #63
    September 9 · 15 min

    SightCity Forum 2026: Club für Barrierefreiheit, Inklusion und Teilhabe (Club-BIT)

    Begrüßung & Vorstellung: Stefan Jakobs und seine Agentur Stefan Jakobs betreibt unter stefan-jakobs.koeln seine Agentur für ganzheitliche Barrierefreiheit. Teil seines Angebots ist der Club für Barrierefreiheit, Inklusion und Teilhabe – kurz Club BIT –, dessen Name bewusst die digitale Teilhabe betont, da sie für vieles andere die Voraussetzung ist. Jakobs versteht sich selbst als Netzwerker und Prozessbegleiter für seine Kunden. Der Vier-Phasen-Prozess: Barrierefreiheit umsetzen ist wie Muffins backen Sein Angebot besteht aus einem strukturierten Prozess in vier Phasen, vom Check bis zur Umsetzung ganzheitlicher Barrierefreiheit. Sein Slogan: „Barrierefreiheit umsetzen ist wie Muffins backen." Club BIT: Netzwerke im Businessbereich Im Businessbereich des Clubs gibt es den Accessibility Club als Kunden-Community zum Austausch und zur Nutzung von Schwarmintelligenz, sowie die Unternehmergemeinschaft Barrierefreiheit, in der sich Kooperationspartner austauschen und zusammenarbeiten. Hinzu kommen zwei weitere Netzwerke innerhalb des überregionalen KLUG-Netzwerks (Kompetente Lokale Unternehmergemeinschaft), für das Jakobs Städtepartner in Köln ist: das allgemeine KLUG-Netzwerk und speziell KLUG-Unternehmer mit Behinderungen, das sich dem Austausch über besondere unternehmerische Herausforderungen widmet. Vertrauen und ehrlicher Austausch sind Jakobs dabei besonders wichtig. Gruppen für Aktive: Blue Light Dancer Community (Square Dance) Die Blue Light Dancer Community ist eine Gemeinschaft für Square Dancer – eine Tanzform, die an sich schon barrierefrei ist. Gemeinsam mit Birgit Rudolf gab es dazu bereits einen Workshop. Ziel der Community ist es, auch die Rahmenbedingungen barrierefreier zu machen: Ansprechpartner für ortskundige Auskünfte, organisierte Mitfahrgelegenheiten und dadurch eine höhere Wahrscheinlichkeit, vor Ort Hilfe zu finden. Gemeinschaft der Eltern mit Sehbehinderung Diese Gemeinschaft entstand auf Anregung von Jakobs' jüngerer Schwester, die selbst sehbehindert ist: Für Eltern sehbehinderter Kinder gibt es Angebote, aber kaum etwas für sehbehinderte Eltern selbst. Die neue Plattform soll Erfahrungsaustausch unter vergleichbar betroffenen Eltern ermöglichen – auch die Kinder profitieren davon, wenn sie erleben, dass ihre Situation nichts Besonderes ist. Geocaching Access Group Diese im Aufbau befindliche Gruppe widmet sich der Barrierefreiheit beim Geocaching (geocaching.com): Manche als barrierefrei gekennzeichnete Caches sind es nicht, umgekehrt werden schöne, tatsächlich zugängliche Caches oft nicht als solche hervorgehoben. Jakobs möchte hier Standards etablieren und Fahrgemeinschaften zu Events organisieren; erwähnt werden auch Adventure Labs als besondere Form der digitalen Schnitzeljagd. Tandemwelt-plus: Netzwerk für Tandem-Aktive Über tandemwelt-plus.net vernetzt Jakobs aktive Tandemclubs unabhängig von festen Terminen – etwa zur Suche nach Tandem-Piloten, zum Austausch über Tandems und Zubehör sowie über geeignete Routen, inklusive praktischer Tipps zu Engstellen wie Drängelgittern. Organisation, Finanzierung und Kontakt Für den Austausch bietet Jakobs ein DSGVO-konformes, barrierefreies Online-Forum. Die Aktivgruppen sind für Teilnehmende kostenlos: Finanziert werden sie über Provisionen, die Jakobs erhält, wenn seine Kooperationspartner (aus der Unternehmergemeinschaft Barrierefreiheit) Aufträge von vermittelten Kunden erhalten. Kontakt: stefan-jakobs.koeln, auch über Google auffindbar mit Google-Unternehmensprofil. Weitere Informationen: https://sightcity.net/f031012 Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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  • #61
    September 8 · 19 min

    SightCity Forum 2026: Die PRO RETINA Stiftung stellt sich vor - Forschung fördern, Zukunft gestalten

    Begrüßung & Vorstellung der PRO RETINA Stiftung Dario Madani, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der PRO RETINA Stiftung zur Verhütung von Blindheit, begrüßt das Publikum gemeinsam mit Vorstandskollege Karsten Schmeisser – bewusst ohne Folien. Geschichte und Jubiläen der Stiftung (1977–2006) 1977 wurde die Retinitis-Pigmentosa-Vereinigung gegründet, aus der die PRO RETINA Deutschland e. V. hervorging. 1997 folgte die Gründung der Stiftung, die 2006 selbständig wurde. 2027 feiert die PRO RETINA-Familie ein Doppeljubiläum: 50 Jahre Verein, 30 Jahre Stiftung. Warum es die Stiftung braucht: Forschungsförderung in Deutschland Nur etwa 10 Prozent aller Stiftungen in Deutschland widmen sich der Medizin – eine Zahl, die die Referenten kürzlich auf dem Stiftertag in Hamburg bestätigt bekamen. Umso wichtiger sei kontinuierliche, exklusive Förderung ophthalmologischer Forschung. Bisherige Erfolge: Stiftungsprofessuren und Gentherapie Die Stiftung hat bereits mehrere Stiftungsprofessuren vergeben – die erste in Regensburg, zwei weitere am Augenzentrum Bonn – und zur Entwicklung einer gentechnischen Therapie für Retinitis Pigmentosa beigetragen. Karsten Schmeisser: Team und Förderschwerpunkte Karsten Schmeisser, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, übernimmt und stellt das Team vor, darunter Professor Matthias Seeliger (Universität Tübingen, offizieller Forschungsvorstand, an diesem Tag nicht anwesend). Fokus der Förderung: seltene Netzhauterkrankungen, unter anderem Retinitis Pigmentosa und altersabhängige Makuladegeneration – Krankheitsbilder, für die sich die Pharmaindustrie aufgrund geringer Fallzahlen kaum engagiert. Förderprogramme: Stipendien und Projektförderung Die Palette reicht von Promotionsstipendien über ein neues Postdoc-Stipendium (erstmals in diesem Jahr, für maximal 2 Jahre) bis zu projektbezogener Förderung von bis zu 50.000 Euro sowie kleineren, unterjährigen Zuschüssen bis 5.000 Euro. Über die Anträge entscheidet ein unabhängiger wissenschaftlich-medizinischer Beirat, nicht der Vorstand selbst. Neu: PRO RETINA Research Meeting 2026 Ende Oktober 2026 veranstaltet die Stiftung erstmals ein Forschungskolloquium in einer historischen Umgebung, um junge Forscher:innen zu vernetzen. Ein renommierter Tübinger Professor (Ueffing) betonte gegenüber Schmeisser kürzlich die Bedeutung solcher Formate für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Ausblick und Aufruf zur Unterstützung Perspektivisch soll eine weitere Stiftungsprofessur (3–5 Jahre gefördert, anschließend von der Universität übernommen) folgen. Zum Abschluss ruft Schmeisser das Publikum dazu auf, die Arbeit der Stiftung bekannter zu machen und finanziell zu unterstützen. Kontakt: PRO RETINA Stiftung zur Verhütung von Blindheit Weitere Informationen: https://sightcity.net/F031011 Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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  • #60
    September 4 · 29 min

    SightCity Forum 2026: Die Unterschiede privater und beruflicher Nutzung von KI als Hilfsmittel – Chancen und Herausforderungen (F03

    KI entwickelt sich schneller als jede Technologie der letzten 50 Jahre – aber wer soll da noch mitkommen? Dieser Forumsbeitrag der SightCity 2026 vergleicht systematisch, was bei der Nutzung von KI als Hilfsmittel privat gilt und was am Arbeitsplatz. Michael Tieke-Benecke ist Projektreferent im Forschungsprojekt „KI-Kompass Inklusiv" beim Bundesverband Deutscher Berufsförderungswerke. Das Projekt baut ein Kompetenzzentrum für KI und Inklusion in der Arbeitswelt auf, wird aus dem Ausgleichsfonds des BMAS gefördert und vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz geleitet; weitere Verbundpartner sind der BV BFW, die BAG BBW und die BAG WfbM.Holger Ross ist technischer Berater im Technischen Beratungsdienst des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe in Münster und vertritt die BIH im Projektbeirat. Privat: Man entscheidet selbst, muss sich aber auch selbst informieren – ohne Beratung, mit veralteten Datenbanken und wenig unabhängigen Erfahrungsberichten. Viel ist kostenfrei (Be My Eyes, Seeing AI); wo ein Kostenträger einspringt, sind es meist Krankenkassen oder Eingliederungshilfe. Der Preis kostenfreier Apps sind die Daten. Die Haushaltsausnahme der DSGVO deckt den Familienbereich ab, nicht den Freundeskreis und nicht die Öffentlichkeit. Ein berechtigtes Interesse als Nachteilsausgleich kann eine Rechtsgrundlage sein – aufbereitet in einer Rechtsexpertise von Prof. Dr. Borges im Wissenspool des Projekts. Verbotene Praktiken der KI-Verordnung (Gesichts- und Verhaltenserkennung in Echtzeit) sind auch privat tabu. Beruflich: IT-Abteilung, Betriebsrat, Schwerbehindertenvertretung, Datenschutzbeauftragte, KI-Beauftragter, Kostenträger und technischer Beratungsdienst müssen mitentscheiden – und alle brauchen rollenspezifische KI-Kompetenz. Die KI-Verordnung greift stärker; verantwortlich sind Anbieter, Betreiber und Arbeitgeber, aber auch Nutzerinnen und Nutzer haben Pflichten. Paragraf 45a UrhG erlaubt die Umwandlung geschützter Werke in barrierefreie Formate – für sich persönlich, ohne Zustimmung und ohne Vergütung des Urhebers. Aus der Praxis: Eine Formatkreissäge mit KI-Fingererkennung sichert den Arbeitsplatz eines sehbehinderten Tischlers, den der Betriebsarzt schon aufgegeben hatte. Seeing AI auf einem iPad im Standsystem beschleunigt die Postsortierung einer blinden Bürokauffrau. ChatGPT kompensiert die Lese-Rechtschreib-Schwäche eines Werbetexters. Und: KI ist förderfähig wie jedes andere Hilfsmittel – auch bei Abo- und Pay-per-Use-Modellen, finanziert über die Ausgleichsabgabe.Der Appell an die Hersteller: Lasst uns auswählen, welches KI-Modell läuft und wo. Ohne diese Wahl ist DSGVO-konformer Einsatz im Unternehmen kaum machbar. Mehr Informationen: https://sightcity.net/F031010 Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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  • #59
    September 3 · 33 min

    SightCity Forum 2026: Aktives Alter(n) mit Sehverlust (F031009)

    Wie sieht ein gutes Leben im Alter aus, wenn das Sehen nachlässt? Drei Menschen mit sehr unterschiedlichen Biografien geben in diesem Forumsbeitrag der SightCity 2026 ihre Antworten.Margret Reinhardt war jahrelang Vorsitzende im BFS, ist ausgebildete Blickpunkt-Auge-Beraterin und seit über 35 Jahren in der Sehbehinderten-Selbsthilfe aktiv. Thomas Golke war für PR, Marketing, Forschung und Archiv verantwortlich; seit 2022 hat er noch vier Prozent Restsehfähigkeit und ist heute Podcaster. Emanuel Stadtler war Senior Manager in einem globalen Großkonzern, bis eine erblich bedingte Makuladegeneration ihn zur Aufgabe seines Berufs zwang; später leitete er das Dialoghaus „Dialog im Dunkeln" in Hamburg und ist heute in Selbsthilfe und Lokalpolitik aktiv. Alle drei engagieren sich seit 2023 in der Fokusgruppe „Sehen im Alter" des DBSV.Ihre drei Thesen: Selbstbestimmung ist wichtiger als Sehkraftverlust. Der gravierendere Verlust ist oft nicht die Sehkraft, sondern die Entscheidungshoheit über das eigene Leben. Angehörige und Fachkräfte gehen in ihrem Bemühen zu helfen häufig zu weit – und entmündigen ungewollt. Technik schafft Teilhabe. Ältere Menschen lernen über den Nutzen, nicht über den Zwang. Langstocktraining und Apps auf dem Smartphone haben Thomas Golke die Stadt zurückgegeben. Soziale Netzwerke schaffen Resilienz. Resilienz ist trainierbar. Vorbilder, Peer-Beratung und die passende Gruppe machen den Unterschied – und wer sich selbst engagiert, entdeckt neue Stärken. Außerdem geht es um Kultur (Tastführungen, Audiodeskription, Theaterführungen und „Bei Anruf Kultur" mit telefonischen Kulturführungen aus bundesweit über 140 Museen, Gedenkstätten und Galerien) und um Mobilität und Sport (Sturzprävention, inklusives Segeln, Golf, Tennis, Tandem).Ein zentrales Hindernis bleibt: Das beste inklusive Angebot nützt nichts, wenn man nicht davon erfährt oder nicht hinkommt. Mehr Informationen: https://sightcity.net/F031009 Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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  • #58
    September 1 · 23 min

    SightCity Forum 2026: Digitalexperten der PRO RETINA stellen ihre Hilfsmittel vor (F031008)

    Die Digitalexperten der PRO RETINA (00:00:00)Die Digitalexperten der PRO RETINA sind in der Regel auch Hilfsmittelberater – weil das digitale Thema in den letzten Jahren so stark in den Vordergrund gerückt ist, gab es dafür eine eigene Ausbildung. Das iPhone als Schweizer Taschenmesser (00:01:12)Markus Bernrieder erledigt nach eigener Aussage rund 95 Prozent seiner digitalen Aufgaben über das iPhone: Bankgeschäfte, E-Mail-Verkehr, Briefe schreiben, Verbindungen suchen, Zugtickets buchen, Schriftstücke vorlesen lassen.Sein Plädoyer für den Screenreader (VoiceOver beim iPhone, TalkBack bei Android): Wer sich die Mühe macht, ihn zu lernen, kann das Gerät deutlich tiefer und vor allem sicherer bedienen als über Sprachassistenten allein.Für Menschen mit Sehrest gibt es zusätzlich: eingebaute Lupen-Apps, Vorlese-Apps, die ohne Screenreader funktionieren, und Bildschirmvergrößerung. Der einfachste Trick von allen: ein Foto machen und es groß ziehen – damit lassen sich Speisekarte oder Fahrplan lesen. Ein Tablet dient ihm nur noch dazu, Fotos auf großer Fläche zu betrachten. Alternative für Smartphone-Skeptiker (00:04:03)Für alle, denen die Gestensteuerung zu umständlich ist: ein Gerät auf Smartphone-Basis mit drei großen, gummierten Tasten am unteren Bildschirmrand (vorwärts, rückwärts, Enter) und einem ansonsten unempfindlichen Bildschirm. Alle Funktionen lassen sich darüber bedienen, KI-Funktionen sind bereits an Bord. Das Gerät wird im Vortrag als Foxy Vision genannt und ist auf der Messe vertreten. Die wichtigsten Apps im Überblick (00:05:16) Seeing AI (Microsoft) – vorlesen, Bilder beschreiben, Produkte und Geldscheine erkennen; die „eierlegende Wollmilchsau" Be My Eyes – sehende Hilfe per Videoanruf, plus die KI-Bilderkennung Be My AI PiccyBot – beschreibt auch Videos, etwa die per WhatsApp zugeschickten Orion – Gegenstände wiederfinden und den Weg finden; später auch auf der KI-Brille ScribeMe – liest PDFs inklusive der enthaltenen Abbildungen aus, etwa Display-Skizzen in Betriebsanleitungen Live Read – kleine App, die nur eine Sache macht: vorlesen, was vor die Kamera kommt Voice Dream Scanner – interessant für Sehrestler, weil das Original sichtbar bleibt, während der Text vorgelesen wird NaviLens – zum Beschriften die SightCity-Messe-App KI-Brillen: die Hände frei haben (00:09:01)Keine dieser Brillen kann mehr als ein Handy – Smartphones können in der Regel deutlich mehr. Der entscheidende Vorteil: freie Hände. Aktueller Vorreiter ist Meta mit den Brillenherstellern Ray-Ban und Oakley; Google und Apple stehen in den Startlöchern, weitere KI-Brillen sind für den Herbst angekündigt.Bemerkenswert findet der Referent, dass diese Brillen gar nicht als Hilfsmittel konstruiert wurden, sondern für Menschen, die YouTube-Videos machen und auf Instagram posten – und trotzdem so hilfreich sind. Das erspart den üblichen Hilfsmittelweg über hohe Preise und Kostenübernahme durch die Kasse.Der Funktionsstand: Fragen wie „Was habe ich in der Hand?", „Lies mir das Schild vor", „Was steht auf der Speisekarte?" funktionieren zuverlässig – bislang aber statisch, also auf Basis eines Einzelfotos. Vom Einzelbild zum Videostream (00:11:38)Der neue Schritt: Die App Orion hat es als erste Drittanbieter-App auf die Meta-Brille geschafft und beschreibt einen fortlaufenden Videostream. Man vergibt einen Auftrag („Achte darauf, ob der Weg vor mir frei ist", „Ich suche einen Papierkorb / eine Bank / ein bestimmtes Gleis"), der dann laufend ausgeführt wird.Zwei mitgeschnittene Tonbeispiele im Vortrag zeigen das: die Beschreibung eines Bürgersteigs mit Metallzaun, geparkten Autos und Fahrrad – und die Suche nach Gleis 15 im Bahnhof, bei der die Brille sich über die Anzeigetafeln 12, 13 und 14 zum richtigen Schild vorarbeitet.Einschränkungen, die der Referent klar benennt: Rechts-links-Probleme, Verzug je nach Netzqualität (also langsam bewegen und stehen bleiben), Umgebungsgeräusche – und vor allem: sich nie blind darauf verlassen, den Langstock immer mitführen. Frage aus dem Publikum: iPhone oder Android? (00:16:34)Klare Empfehlung mit Begründung: Wer technisch erfahren ist und sich gerne selbst einarbeitet, ist mit Android gut aufgehoben. Wer auf Hilfe angewiesen ist, sollte zum iPhone greifen – der Pool an Helfenden ist ungleich größer. Zum Vergleich nennt der Referent zwei WhatsApp-Gruppen: 150 Mitglieder in der VoiceOver-Gruppe, 20 in der Android-Gruppe (Interessierte sind eingeladen).Weitere Gründe: Bei Android unterscheidet sich vieles je nach Hersteller und Software-Variante, bei Apple ist es durchgehend gleich – ein iPhone 4 und ein iPhone 17 bedienen sich gleich. Und weil der Nutzerkreis bei Apple größer ist, entwickeln kleine App-Anbieter zuerst dort; eine Android-Umsetzung folgt vielleicht, vielleicht auch nicht. Erfahrungsbericht: Vom Sehverlust zur digitalen Selbstständigkeit (00:18:36)Steffen Becks Weg: pathologische Myopie, links frühgeburtlich erblindet, rechts alle Grade der Sehbehinderung durchlaufen – Netzhautablösung 2003, 2010 eine CNV, vergleichbar mit der Makuladegeneration. Für die Arbeit gab es eine Anpassung der Arbeitsmittel (Topolino, Bildschirmlesegerät, ein Nokia N86 mit KNFB Reader).Entscheidend war die Selbstorganisation: 2010 Anschluss an die PRO RETINA Regionalgruppe Dresden, 2011 über das Universitätsklinikum Tübingen die Teilnahme an einer Studie zum Umgang mit synthetischer Sprache – was ihm half, Bücher und Zeitschriften zu lesen und rechtzeitig auf PDFs umzusteigen. 2013 der Umbruch: das geerbte iPhone 4s seines Sohnes und der konsequente Umstieg auf Apple.Heute: iPhone 15 Plus und MacBook, Bücher- und Lese-Apps, Voice Dream Reader und Scanner, Navigations-App – und KI wie ChatGPT und Copilot, im Umgang mit Texten „fast unschlagbar".Zwei Warnungen aus eigener Erfahrung: ChatGPT erklärte ihm einen Weg zu einem Menü, das es gar nicht gab, und gestand erst auf mehrfaches Nachfragen kleinlaut ein, nicht helfen zu können. Und eine erbetene Buchzusammenfassung war wunderbar formuliert – nur zu einem imaginären Buch. Sein Rat: konkrete Fragen, Quellenangaben, nachhaken.Sein Schlussappell: „Seid mutig, verbindet euch, verknüpft euch, nutzt Selbsthilfegruppen oder Berater wie uns, um nicht aufzugeben" – und euch mit der Technik den Alltag und die Teilhabe zurückzuerobern. Kontakt und Links PRO RETINA Deutschland e. V. Vortragsseite: https://sightcity.net/F031008 SightCity: https://sightcity.net Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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  • #57
    August 31 · 19 min

    SightCity Forum 2026: Warum Licht anschalten, wenn es auch Kerzen gibt? (F031007)

    Warum Licht anschalten, wenn es auch Kerzen gibt? (00:00:00)Die Ausgangsfrage des Vortrags: Was hindert uns daran, außerhalb von Gebäuden Google Maps und andere digitale Hilfen zu benutzen – und innerhalb von Gebäuden in alte Muster zu verfallen, obwohl es auch dort Lösungen gibt?Gewohnheit, Neuheit und Kontrollverlust (00:01:21)Drei Mechanismen: Wir vertrauen dem, was wir bereits nutzen, und stehen Neuem kritisch gegenüber – meist, weil wir es noch nicht ausprobiert haben. Wir bleiben beim Bekannten, obwohl bessere Lösungen verfügbar sind. Und wir fürchten den Kontrollverlust: Im Bisherigen kennen wir uns aus – taktile Leitsysteme nutzen, Türschilder auf Punktschrift abtasten, Menschen fragen. Wer das aufgibt, hat das Gefühl, Kompetenz zu verlieren. Dazu das Bewertungsmuster „haben wir immer schon so gemacht", auch wenn es nachweislich ineffizient ist – etwa wenn man ein taktiles Modell erst einmal finden muss.Spezifische Phänomene bei Blindheit und Sehbehinderung (00:04:03) Analoge Technik als Teil des Selbstwertkonzepts: Stock, taktiles Leitsystem, Blindenschrift sind erlernte Fähigkeiten – die Angst, mit ihnen auch ein Stück Identität aufzugeben, ist real. Misstrauen gegenüber Technik: häufig begründet mit „die alten Leute können das nicht nutzen" – dem stehen Zahlen entgegen, wonach 68 Prozent der über 75-Jährigen ein mobiles Gerät benutzen. Schlecht gemachte digitale Lösungen: unausgereift, schlecht konzipiert, schlecht erklärt. Wilke räumt ein, dass dieser Einwand zum Teil stimmt – und dass er genau deshalb wirkt. Symbolische Sichtbarkeit und der moralische Aspekt (00:06:55)Das Taktile sieht man, das Digitale nicht. Bodenleitsysteme und Brailleschilder lassen sich politisch vorzeigen („Wir haben ja was gemacht"), digitale Infrastruktur nicht. Draußen spielt diese Sichtbarkeit keine Rolle – dort wird digital genutzt.Der moralische Aspekt: Engagierte Verantwortliche sehen sich als Teil der Lösung, hinterfragen den eigenen Lösungsansatz aber nicht kritisch. Wilkes Beispiel: Wer in einem Rathaus für Barrierefreiheit zuständig ist und von jeder Zielgruppe die Normanforderungen auf den Tisch gelegt bekommt, entscheidet sich am Ende für das, was ihm selbst am sinnvollsten erscheint – meist nicht für das Effizienteste.Und schließlich das Phänomen, Technik als Zusatz statt als Ersatz zu denken: Digitale Lösungen gelten immer als Ergänzung, dabei sind sie Infrastruktur – nur eben unsichtbar. Das Ergebnis ist ein Gegeneinander von taktil und digital, statt beides zu nutzen.Der Kernwiderspruch: Innovation wollen, beim Alten bleiben (00:08:54)Die doppelte Haltung: Wir wollen Innovation gefördert sehen und gleichzeitig bei den alten Systemen bleiben. Menschen halten an Kerzen fest, wenn sie nicht sicher sind, ob das Licht zuverlässig weiterfunktioniert.Wilkes Kernsatz: Es geht nicht um Technikfeindlichkeit, sondern um einen menschlichen Reflex – wir verwechseln Vertrautheit mit Verlässlichkeit. Oder im Bild: Das Problem ist nicht das fehlende Licht, sondern das flackernde Stromnetz. Nicht der Technikmangel, sondern der Mangel an Alltagstauglichkeit – und das fehlende Vertrauen verhindert den Umstieg. Sein Alltagsbeispiel: eine Gebrauchsanweisung von 40 Seiten legt jeder weg, und dann stimmt in der Entwicklung etwas nicht.Rollenwechsel: von der Mängelmeldung zur Mitgestaltung (00:11:37)Der zentrale Appell: Betroffene sind im Grunde die Experten. Statt weiter zu erzählen, was alles nicht funktioniert, sollte die Energie darauf gelegt werden, zu prüfen, was es gibt, es zu verbessern und das Gelingen auch zu benennen. Wilkes Beobachtung aus sozialen Medien und Foren der Zielgruppe: überwiegend Mängel, Meldestellen und „das funktioniert nicht" – selten Lösungen. Entwicklerinnen und Entwickler seien froh über konkretes Testfeedback: Die Gebrauchsanweisung stimmt nicht, der Weg funktioniert nicht, der QR-Code funktioniert nicht richtig.Fazit: Kerze und Licht nebeneinander (00:13:59)„Ich bin nicht gegen Kerzen. Ich bin nur gegen die Gewohnheit, dass wir die Kerze für die Zukunft halten." Analoge Hilfen bleiben sinnvoll – aber wo digital sinnvoll und alltagstauglich möglich ist, soll das keine Ausnahme bleiben, sondern Standard werden. Und statt einen Satz mit „das geht nicht" abzubrechen, lieber fragen: Wie kann es denn gehen?Der Schlusssatz: Wir müssen nicht nur mehr fordern, wir müssen mithelfen, den Schalter erklärbar zu machen. Wer Teilhabe will, muss Vertrauen bauen – und wer Inklusion ernst meint, darf Vertrautheit nicht mit Zukunft verwechseln.Frage aus dem Publikum (00:16:56)Ein blinder Ingenieur und Softwareentwickler widerspricht deutlich: Er fühle sich von dem Vortrag nicht abgeholt. Die Entscheidung, ob im Rathaus digitale Technik eingeführt wird, liege gar nicht in seiner Hand – er könne jahrelang anmahnen und über den Behindertenbeirat anschieben, entscheiden könne er es nicht. Bei KI sieht er zudem derzeit noch zu viele Nachteile für einen bedenkenlosen Einsatz; wo er Einfluss hat, will er Technik, die zuverlässig und privatsphärensensibel funktioniert.Stefan Wilkes Antwort: Er gibt beim Einfluss auf Entscheidungsträger recht – dort komme immer das Argument Geld. Einfluss habe man aber dort, wo man eine funktionierende Lösung für sich gefunden hat: sie sichtbar machen, weitererzählen und mit Beispielen belegen, wo es bereits läuft. Sein Anliegen sei nicht das Allheilmittel, sondern der Fokuswechsel – von dem, was nicht geht, hin zu „probiert das mal aus". Kontakt und Links Quickstep GmbH Vortragsseite: https://sightcity.net/F031007 SightCity: https://sightcity.net Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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  • #56
    August 28 · 1 hr 15 min

    SightCity Forum 2026: „Netzwerk berufliche Teilhabe – arbeitsmarktnah und innovativ", drei Vorträge in einem Mitschnitt

    Vortrag 1: Von Screenreadern zu smarter Unterstützung (00:00:30)Ein Jahr nach ihrem Vortrag zur digitalen Barrierefreiheit stellen sich die beiden Referenten die Anschlussfrage: Hat KI das Thema erledigt? Vorgestellt wird zunächst, was die einjährige Grundreha überhaupt vermittelt: Brailleschrift, Screenreader-Bedienung (in dem Fall JAWS), Zehnfingerschreiben, Office-Anwendungen, LPF (lebenspraktische Fähigkeiten), Orientierung und Mobilität sowie berufliche Schlüsselqualifikationen. Zielgruppe sind Berufstätige, die nach Erkrankung oder Unfall zurückkehren, sowie Menschen vor einer Umschulung.KI als Querschnittsthema in der Grundreha (00:07:15)Offiziell steht KI in Lehrplan und Verfahrensanweisung noch gar nicht – genutzt wird sie trotzdem, von Ausbildenden wie Teilnehmenden, jeder nach eigenem Ermessen. Die Kernfrage: Inselthema oder Querschnittsthema? Die Grundreha ist bereits vollgepackt, und bis Teilnehmende überhaupt eine gewisse Souveränität in den Grundkompetenzen haben, vergehen drei bis sechs Monate.Wichtige Unterscheidung im Vortrag: KI auf dem Handy als privates Entertainment einerseits – KI als Werkzeug im Job andererseits. Im Beruf geht es um Datenverarbeitung, nicht um Wetterabfragen. Und: Auch die KI-Oberfläche selbst muss barrierefrei sein, sonst nützt das beste Modell nichts.Ein eigenes Kapitel ist der Datenschutz. Das BFW Halle hat dafür eine KI-Richtlinie für die ganze Firma. Im Unterricht werden zwar keine sensiblen Daten verarbeitet – aber niemand kontrolliert, was Teilnehmende privat hochladen.Vier Themenfelder: Prompting, Quellen, Datenschutz, Fehlertoleranz (00:15:55) Prompting – Je besser die KI mit Informationen gefüttert wird, desto besser das Ergebnis. Konkreter Tipp: der KI eine Rolle geben und sie ausdrücklich auffordern, kritisch zu sein. Sonst geht sie einem „um den Bart" und führt in eine Sackgasse. Quellenprüfung – Auch blinde KI-Nutzende müssen Quellen nachverfolgen und prüfen können: Gibt es das überhaupt, oder ist es aus der Luft gegriffen? Datenschutz – Nicht nur die Frage, welche Personendaten man hochlädt, sondern auch: Wo läuft die KI, in welchem Land steht der Server? Fehlertoleranz – Einschätzen können, ob das Ergebnis plausibel ist, und ein Gespür dafür entwickeln, wann die KI anfängt zu spinnen. Fazit der beiden: An der Notwendigkeit von Tastatur-, PC- und Screenreader-Beherrschung hat sich nichts geändert – die Anforderungen an die Grundkompetenzen steigen eher. Praxisbeispiele: Barrierefreies Dokument und Bewerbungstraining (00:23:43)Das erste Beispiel ist ein Eigentor mit Lerneffekt: Ein KI-Modell erzeugte aus einem nicht barrierefreien PDF ein optisch perfektes Dokument mit Überschriften – nur enthielt es beim Prüfen mit JAWS keine einzige echte Überschriftenformatierung. Erst nach einem präzisen Prompt (Überschriftenformatierung, beschriftete Tabellenkopfzeilen, definierte Listen, ARIA-Labels) kam ein wirklich screenreaderfreundliches Dokument heraus. Ohne Grundkompetenz wäre der Fehler unbemerkt geblieben.Das zweite Beispiel: Bewerbungstraining mit KI. Wer nur „ich habe mich als Sachbearbeiter beworben" eingibt, bekommt beliebige Fragen. Erst mit dem Link zur Stellenausschreibung und geschwärzten Lebenslaufdaten wird das Training realistisch. Der zweite Referent berichtet von einem Übungsgespräch mit Gemini in der Rolle einer Arbeitgeberin im öffentlichen Dienst – auf die Vorgabe „sei streng" hin bis zu Notfall- und Recovery-Szenarien, mit anschließendem Feedback: fachlich gut, aber zu ausweichend bei konkreten Beispielen.Empfohlene Werkzeuge aus dem Vortrag: Notebook LM von Google für quellenbasiertes Arbeiten (mit Quellenangabe und Sprung ins Dokument), Moodle in Verbindung mit KI für die Kurserstellung – wobei ausdrücklich nur eigene, verlässliche Quellen hochgeladen werden, sonst kommen etwa Tastenkombinationen für englische Tastatur-Layouts zurück.Wünsche zum Abschluss: KI als Querschnittsthema fest in den Reha-Verlauf einbauen, Ausbilderinnen und Ausbilder schulen – und Arbeitgeber sollten den Datenschutz nicht als pauschales Ausschlusskriterium vorwegschieben, denn es gibt DSGVO-konforme und offline laufende Modelle. Ausblick: KI-Agenten, die Aufgaben selbstständig im Namen der Nutzenden erledigen. Vortrag 2: KI als Taststock der digitalen Welt (00:39:30)Rainer Brell betreut am BFW Würzburg das Projekt NVDA nachhaltig. Er stellt das kostenlose Add-on KI-Assistent Pro vor, das man über den NVDA-Store installiert und mit einem KI-Dienst verbindet (im Beispiel Gemini per API-Schlüssel).Kurzer Marktüberblick: Gemini von Alphabet/Google, Claude von Anthropic, Copilot von Microsoft, Grok – alles US-Anbieter; in Europa Mistral aus Frankreich als derzeit DSGVO-konforme Option.[Demo] Gezeigt wird die Praxissoftware THEORG für Physiotherapie-Praxen und Masseure – in Deutschland weit verbreitet, für Screenreader aber praktisch unzugänglich: Tab und Shift-Tab bewegen nichts, die Anmeldemaske meldet nur „Eingabefeld leer". Das Add-on macht ein Foto eines Bildschirmausschnitts, schickt es an die KI und lässt sich zurückbeschreiben, was dort zu sehen ist – inklusive Hinweisen auf unterlegte Buchstaben als Shortcuts und darauf, was in welches Feld gehört. Die Live-Demo scheitert an der Internetverbindung, der Ablauf wird deshalb verbal erläutert.Wichtige Einordnung des Referenten: Das ist ein Workaround, um über eine Barriere hinwegzukommen – kein Weg, dauerhaft mit einem Programm zu arbeiten. Dafür ist die KI nicht geeignet und sollte nicht zum Einsatz kommen.Zweites Beispiel: die Beschreibung eines YouTube-Musikvideos von Udo Lindenberg, Szene für Szene, mit der Möglichkeit von Folgefragen (bis hin zum Automodell und dessen PS-Zahl). Übertragen auf den Arbeitskontext: Erklärvideos, Imagefilme, E-Learning-Inhalte. Weitere Funktionen des Add-ons: Spracheingabe zu Text, Transkription von Audio-Mitschnitten (etwa Meetings), Übersetzung, Bilderkennung und die Erklärung von PDF-Dokumenten – im Beispiel ein Organigramm der Stadt Würzburg, dessen Zuordnungen die KI sauber auflöste.Vertiefung: Podcast NVDA HAWAI („Hilfsbereite Anwender werden andere intensiv informieren") – dort ist das Add-on ausführlich in zwei Stunden vorgestellt, mit Links in den Shownotes. Vortrag 3: Orientierungs- und Mobilitätstraining (00:55:32)Jürgen Fischer ist seit gut 30 Jahren Lehrkraft am BFW Mainz, wo behinderte und nicht behinderte Menschen seit über 60 Jahren gemeinsam Ausbildungen im Gesundheitsbereich absolvieren, und führt Orientierungs- und Mobilitätstrainings durch.Drei Fachbegriffe erklärt er vorab: Leitlinie (tastbare Bodenstrukturen, auch eine Hauswand oder eine Bordsteinkante), markante Stelle (Litfaßsäule, Brunnen, Ampel mit Signalton) und innere Landkarte (mentales Bild einer räumlichen Situation).Im Interview berichtet ein blinder Auszubildender in der Physiotherapie: Mobilitätstraining gab es zu Beginn der Ausbildung und noch einmal vor dem Praktikum. Entscheidend für ihn ist die mentale Karte im Kopf – dadurch konnte er sich sicherer und selbstständiger bewegen und musste im Praktikum nicht damit beschäftigt sein, wo er hinmuss. Er nutzt eine Mischung aus Leitlinien, Gehör und taktiler Wahrnehmung über Füße und Langstock. Sein Fazit: Ohne Mobilitätstraining wäre es nicht gelaufen – im Praktikum bekam er schon in den ersten Tagen viel Lob für seine Orientierung. Herausforderungen in Kliniken und Praxen – und Fazit (01:07:59)Was den Klinikalltag für blinde Therapeutinnen und Therapeuten schwierig macht: Komplexe Raumstrukturen – gewachsene Bauten mit uneinheitlichen Anbauten, die Physiotherapie oft im Keller mit ganz anders gestalteten Gängen Wechselnde Einsatzorte – Chirurgie, Orthopädie, Gynäkologie, Ambulanz, wechselnde Behandlungskabinen und Patientenzimmer Menschen unterwegs – Personal und Patienten, wobei die Rücksichtnahme beim Therapeuten liegt, nicht bei den Patienten Bewegte Gegenstände – Visitenwagen, Hygienewagen, Lagerungsmaterial, Rollatoren stehen jeden Tag woanders Geräuschkulisse – Störgeräusche machen die akustische Orientierung unzuverlässig Zeitdruck – Zwanzig-Minuten-Takte, Gespräche mit Arzt und Pflegepersonal, gleichzeitige Patientenversorgung Gleichzeitige Kommunikation – im Kontakt bleiben, Platz machen und sich trotzdem weiter orientieren Daraus folgen die Anforderungen an das Mobilitätstraining: Strategien zur Raumerkundung liefern, den Aufbau der inneren Vorstellung unterstützen und Sicherheit für die konkreten Wege schaffen. Fazit: Orientierungs- und Mobilitätstraining ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Ausbildung und Berufsausübung, fördert Selbstvertrauen und Eigenständigkeit und verbessert die berufliche Handlungskompetenz. Kontakt und Links Podcast NVDA HAWAI (Projekt NVDA nachhaltig, BFW Würzburg) BFW Mainz – integrative Ausbildungen im Gesundheitsbereich Vortragsseite: https://sightcity.net/F031006 SightCity: https://sightcity.net Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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  • #55
    August 26 · 29 min

    SightCity Forum 2026: Ganzheitliche Versorgungsstützpunkte & interdisziplinäre Diagnostik für Menschen mit Sinnesbehinderungen - Projekt GaVid

    Was GaVid Sinne ist und wer es fördert (00:00:00)GaVid steht für „Ganzheitliche Versorgungsstützpunkte und interdisziplinäre Diagnostik" – ausgesprochen „wie David, nur mit G". Das Projekt läuft von September 2024 bis August 2027 und wird über den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses gefördert. Der G-BA ist das Gremium aus Ärzten, Krankenhäusern, Krankenkassen und Patientenvertretungen, das unter anderem entscheidet, welche Leistungen die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen. Der Innovationsfonds fördert gezielt Projekte, die Versorgungslücken schließen und das Potenzial haben, dauerhaft Teil der Regelversorgung zu werden.Das Problem, an dem GaVid ansetzt: Sehen und Hören werden in Diagnostik und Versorgung noch immer getrennt betrachtet. Es gibt Hilfsmittel fürs Hören und Hilfsmittel fürs Sehen – aber Taubblindheit und Hörsehbehinderung sind eine Behinderung eigener Art. Betroffene müssen beides selbst zusammenbringen. Dazu fehlt es an fachlichen Ressourcen, vor allem am Wissen und Können in der Kommunikation mit Menschen mit Beeinträchtigung beider Fernsinne.Die Versorgungslücke: fehlende Diagnostik und Anlaufstellen (00:04:18)Viele Menschen mit komplexen Behinderungen sind noch nie auf Sehen oder Hören untersucht worden. Ohne Diagnostik können Hilfsmittel nicht adäquat verschrieben oder angepasst werden. Es fehlen zudem klare Anlaufstellen, die Orientierung im Medizinsystem geben und systematisch aufklären: Arztbriefe listen ICD-10-Codes und medizinische Begriffe, aber was das für das Leben bedeutet, bleibt oft offen. Medizin und Pädagogik müssen enger verzahnt werden.Projektpartner, Stützpunkte und wissenschaftliche Begleitung (00:05:42)Facheinrichtungen und Universitätskliniken haben sich zusammengeschlossen: Facheinrichtungen: Deutsches Taubblindenwerk (Konsortialführung), Blindeninstitutsstiftung, Nikolauspflege Kliniken: Medizinische Hochschule Hannover, Charité Berlin, Universitätskliniken Würzburg und Tübingen Standorte der Diagnostik- und Versorgungsstützpunkte (DVSP): Hannover, Berlin, Würzburg, Stuttgart Die Stützpunkte sind den Facheinrichtungen zugeordnet und arbeiten unter ärztlicher Verantwortung der jeweiligen Universitätsklinik. Interdisziplinäre Teams führen Vorbefunde zusammen und bereiten Klinik-Termine vor – das nimmt Patientinnen und Patienten Ängste und macht die Termine effizienter.Weitere Partner: die AOK Baden-Württemberg (Modelle für den Übergang in die Regelversorgung), die DAK-Gesundheit, der Selbsthilfeverband Verein Leben mit Usher-Syndrom e. V.; in Planung Kooperationen mit dem Oberlinhaus Potsdam und der Stiftung Sankt Franziskus Heiligenbronn. Ein Projektbeirat aus Selbsthilfe, Pädagogik, Krankenkassen, Eingliederungshilfe und Wissenschaft begleitet das Projekt. Die Evaluation übernimmt das Institut für Versorgungsforschung und Rehabilitationsforschung des Universitätsklinikums Freiburg.Für wen GaVid Sinne da ist (00:10:00)Für alle Altersgruppen – vom Baby bis zum Senior – mit Hörsehbehinderung, Taubblindheit oder entsprechendem Verdacht: also auch, wenn bei bestehender Sehbehinderung das Hören schlechter wird, bei Gehörlosigkeit das Sehen nachlässt oder beides altersbedingt abnimmt. Besonders relevant für Menschen, deren Seh- und Hörvermögen wegen weiterer Beeinträchtigungen nie oder nur unzureichend untersucht wurde – oft aus kommunikativen Gründen.Die Rahmenbedingungen: kein festes Einzugsgebiet (Patienten wählen den Standort selbst), keine ärztliche Überweisung nötig, das Angebot ist kostenfrei. Einzige Voraussetzung ist eine gesetzliche Krankenversicherung.Drei Fallbeispiele (00:12:37) Ein Schüler mit komplexer Behinderung und bestehender Sehbeeinträchtigung zeigt vermehrt autoaggressives Verhalten und reagiert oft nicht auf Ansprache – liegt zusätzlich eine Hörbeeinträchtigung vor? Eine Realschülerin trägt seit Jahren Hörgeräte, stößt sich neuerdings an Türrahmen und Möbeln und kann dem Volleyball nicht mehr folgen – steckt hinter dem Rückzug mehr als die Hörstörung? Eine Erwachsene mit Usher-Syndrom Typ 2 hat gute Ärzte für CI-, Hörgeräteversorgung und Erblindungsprozess, schafft aber die Koordination der vielen Arzttermine nicht mehr. Der Ablauf: von der Anmeldung bis zur Fallbesprechung (00:14:27) Kontakt telefonisch oder per E-Mail (Kontaktdaten auf dem Flyer und auf www.gavid-sinne.de) Erstgespräch telefonisch, digital oder in Präsenz – Anliegen, Fragestellung und Bedarf klären Anmeldeunterlagen plus Informationen zur Evaluationsstudie (Fragebogen vor Beginn und sechs Monate nach der Behandlung; eine zufällig ausgewählte Kontrollgruppe startet erst nach dem zweiten Erhebungszeitpunkt) Gespräch zur Erfassung des Teilhabebedarfs anhand eines am ICF Core Set für Taubblindheit erstellten Fragebogens Wöchentliche interdisziplinäre Fallbesprechung mit den Ärztinnen und Ärzten der örtlichen Augen- und HNO-Klinik – hier wird entschieden, ob es zuerst an den Stützpunkt oder direkt in die Klinik geht. Weil die Unikliniken Projektpartner sind, stehen für GaVid-Patienten zusätzliche zeitliche Ressourcen und damit kürzere Wartezeiten zur Verfügung. Untersuchung am Stützpunkt – immer zwei Mitarbeiterinnen gemeinsam für Sehen und Hören, unter Berücksichtigung der Beeinträchtigung des jeweils anderen Sinnes und der vorhandenen Kommunikationsmöglichkeiten Rückkopplung der Ergebnisse an Patientinnen, Angehörige und Bezugspersonen – und damit beginnt der Kreislauf erneut Eingebettet ist das Ganze in ein Netzwerk aus Beratungsstellen, Hilfsmittelanbietern, Selbsthilfegruppen und Assistenzdiensten. Warum GaVid Sinne wichtig ist (00:20:50)Die Diagnose ist die Grundlage für passgenaue Versorgung und angemessene Förder- und Unterstützungsangebote. Eine an den alltagsrelevanten Auswirkungen orientierte Diagnostik hilft, Verhaltensweisen besser zu verstehen und Fehlinterpretationen von Verhalten zu vermeiden – und kann das Energie- und Belastungsniveau stabilisieren. Auch für Menschen mit bereits bestehenden Diagnosen bietet GaVid Orientierung im Medizinsystem und nimmt sich Zeit, die Bedeutung und Auswirkung von Befunden zu erklären. Gerade bei progredienten Verläufen sind regelmäßige Kontrollen der Seh- und Hörfähigkeit nötig, um Hilfsmittel laufend anzupassen.Hinweis: Zum Zeitpunkt des Vortrags konnten noch bis Ende September Patientinnen und Patienten neu aufgenommen werden – kostenfrei. Fragen aus dem Publikum (00:24:35) Wartezeiten: Die Wartelisten sind sehr kurz. Nach einer Meldung erfolgt der Rückruf meist binnen weniger Tage; ein Kliniktermin dauert etwa zwei bis vier Wochen statt der sonst üblichen fünf bis sechs Monate. Privat Versicherte: Sie können nicht eingeschlossen werden, weil das Projekt über den Innovationsfonds für die gesetzliche Krankenversicherung finanziert wird. Erst wenn GaVid Sinne in die Regelversorgung überführt wird, schließen sich private Versicherer erfahrungsgemäß an. Psychosoziale Beratung: ist Teil des Angebots, im Team arbeiten auch Psychologen – gebunden an die Teilnahme am Projekt. Kontakt und Links Projekt GaVid Sinne: https://www.gavid-sinne.de Standorte: Hannover, Berlin, Würzburg, Stuttgart Vortragsseite: https://sightcity.net/F031005 SightCity: https://sightcity.net Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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  • #54
    August 25 · 25 min

    SightCity Forum 2026 - TINKA Taubblindeninklusion anstossen - Begleitetes Wohnen für taubblinde und hörsehbehinderte Menschen in NRW

    Begrüßung und Vorstellung der DGfT (00:00:00)Die Deutsche Gesellschaft für Taubblindheit (DGfT) mit Sitz in Essen, direkt gegenüber vom Hauptbahnhof, bietet Angebote für alle Altersgruppen in Nordrhein-Westfalen an. Ziel ist immer die Verbesserung der aktiven Teilhabe und der Lebensqualität taubblinder und hörsehbehinderter Menschen.Arbeitsschwerpunkte: EUTB, Schul- und Kita-Begleitung, Peer-Akademie (00:02:38) EUTB-Beratungsstellen in Köln und Duisburg. Schul- und Kita-Begleitung: In NRW gibt es kein spezifisches Schulangebot für taubblinde Kinder, sie besuchen Schulen für Hören und Kommunikation oder Schulen für Blinde. Die DGfT stellt Kräfte für die 1:1-Begleitung im Unterricht – aktuell werden acht Kinder begleitet. Peer-Akademie handfest: Hier sind taubblinde und hörsehbehinderte Menschen beschäftigt, die andere taubblinde und hörsehbehinderte Menschen schulen und empowern. Dazu gehören die DeafBlind-Impulsveranstaltungen in Präsenz und online, bei denen Taubblinde selbst ein Thema vorstellen – etwa ein taubblinder Comiczeichner, der zeigte, wie er zeichnet, oder zuletzt das Thema KI. TINKA: Entstehung und Anerkennung als Dienst (00:05:33)Die DGfT hat 25 Mitarbeitende, acht davon im Bereich TINKA; es gibt sie seit 2014. TINKA – „Taubblinden Inklusion anstoßen" – entstand aus einer dreijährigen Start-up-Förderung der Aktion Mensch als spezifischer Dienst für taubblinde und hörsehbehinderte Menschen. Inzwischen läuft es unter der Bezeichnung ABS, Unterstützung und Begleitung im Wohn- und Sozialraum – der Sache nach das bekannte ambulant begleitete Wohnen. Es ist kein Projekt mehr, sondern ein von den Landschaftsverbänden anerkannter Dienst; über sie läuft auch die Abrechnung.Was TINKA besonders macht: Kommunikation, Mobilität, Hilfsmittel (00:06:32)Der entscheidende Unterschied zu anderen Angeboten des begleiteten Wohnens: Alle Mitarbeitenden beherrschen die taubblindenspezifischen Kommunikationsformen – Lormen und taktile Gebärden – und sind mit den technischen Hilfsmitteln vertraut. Wo Erfahrung fehlt, wird sie über Fort- und Weiterbildungen vermittelt.Die Begleitung findet im eigenen Wohnumfeld statt, ein- bis zweimal pro Woche. Unterstützt wird zum Beispiel beim Verstehen der Post – aber, und das ist der Unterschied zur Taubblindenassistenz, mit pädagogischem Anspruch: Es wird nicht nur mitgeteilt, was im Brief steht, sondern beraten, aufgeklärt und darauf hingearbeitet, selbstständig weiterleben zu können. Mit den Taubblindenassistenzen wird eng und nach Aussage der Referentinnen sehr erfolgreich zusammengearbeitet.Ablauf: Antrag, Ziele, Fortschreibung (00:09:18)Zunächst wird beim Landschaftsverband ein Antrag gestellt – dabei unterstützt die DGfT. Gemeinsam mit den Klientinnen und Klienten wird festgelegt, welche Unterstützung notwendig ist und in welchem Stundenumfang. Nach Bewilligung werden die vereinbarten Ziele gemeinsam umgesetzt – ausdrücklich nicht über den Kopf der Betroffenen hinweg.Die Begleitung wird für einen bestimmten Zeitraum bewilligt, etwa zwei Jahre, danach folgt eine Fortschreibung: Welche Ziele wurden erreicht, welche sind weiterhin erforderlich? Oft werden die Anträge verlängert – etwa weil weiterhin Unterstützung beim Schriftverkehr nötig ist oder weil sich das Sehvermögen verschlechtert und neue Hilfsmittel gesucht werden müssen.Das Team der DGfT im Überblick (00:11:29)Stand Mai 2026: In der Peer-Akademie arbeiten vier taubblinde und hörsehbehinderte Menschen sowie ein gehörloser Mitarbeiter in der Verwaltung. TINKA hat acht Mitarbeitende, die EUTB zwei, die Kita- und Schulbegleitung acht plus eine pädagogische Begleitung, die Verwaltung drei – zusammen 25 Personen.Interview mit einer Klientin (00:13:04)Christina Sato, 42, in Ungarn geboren, mit 17 nach Deutschland gekommen, lebt in NRW und hat einen elfjährigen Sohn. Ihre größten Hürden: deutsche Texte lesen – sie war nicht in Deutschland zur Schule gegangen – und sich ohne Assistenz draußen zu bewegen.Vor TINKA hatte sie eine hörende Betreuungsperson, mit der sie nicht gut kommunizieren konnte: Es wurden Fehler bei Anträgen gemacht, es war „viel Chaos". TINKA erklärt ihr Texte in Leichter Sprache, mit taktilen Gebärden, Lormen oder Gebärdensprache – so weit in die Tiefe, dass sie Anträge selbst versteht. Ihr Fazit: mehr Energie und mehr Zeit für das eigene Leben. Ohne diese Unterstützung, sagt sie, könnte sie sich nicht selbstbestimmt durchs Leben bewegen.Fragen aus dem Publikum (00:18:09)Eine Mitarbeiterin eines Integrationsamts stellt die Frage, die im Raum steht: Wie kann jemand taubblind sein und trotzdem Gebärden sehen? Christina Sato erklärt, dass sich ihr Gesichtsfeld seit der Kindheit stark reduziert hat – im Dunkeln sieht sie gar nichts, Papier ist nicht mehr lesbar, Gebärden nur ganz nah.Daran schließt sich das eigentliche Thema der Fragerunde an: Restsehvermögen und Merkzeichen: Gesetzlich blind ist man bereits ab einem Sehvermögen von einem Fünfzigstel (0,02) – visuelle Wahrnehmung von Konturen oder Gebärden kann trotzdem vorhanden sein. Es gibt das Merkzeichen TBl; wer es bekommt, gehört zur Gruppe der Taubblinden. Taubblind heißt also nicht zwingend vollständig taub und vollständig blind. Fachdienste: In NRW gibt es den Integrationsfachdienst Sehen und den Integrationsfachdienst Hören – ein Integrationsfachdienst Taubblind fehlt und wird von vielen gewünscht. In Hessen ist der IFD auf Hörbehinderte spezialisiert; Fachkräfte für Blinde und Sehbehinderte werden dort seit diesem Jahr aufgebaut. Fortbildung: Angeregt wird eine Sensibilisierungs-Fortbildung für Integrationsämter. Aus dem Publikum kommt der Hinweis, dass Mitarbeitende von Integrationsämtern bereits den Grundkurs Blinden- und Sehbehindertenpädagogik in Marburg besuchen. Gesetzliche Kriterien: Ein taubblinder Berufstätiger aus NRW ergänzt die Schwellenwerte – ein Sehrest von 2 Prozent oder ein Gesichtsfeld von 5 Grad, wobei in diesem engen Winkel durchaus scharf gelesen werden kann; beim Hören gilt ein Hörrest von 20 Prozent bereits als gehörlos. Er selbst hatte bis etwa 2014/2016 Logopädie: Wer ihn sprechen hört, ahnt nicht, dass er nur noch 8 Prozent hört. Kontakt Deutsche Gesellschaft für Taubblindheit (DGfT), Essen – Standort gegenüber dem Hauptbahnhof EUTB-Beratungsstellen der DGfT: Köln und Duisburg Vortragsseite: https://sightcity.net/F031004 SightCity: https://sightcity.net Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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  • #53
    August 24 · 33 min

    SightCity Forum 2026 - Soziale Teilhabe mit Taubblindenassistenz (TBA) - von der Antragsstellung bis zur regelmäßigen Unterstützung (F031003)

    Die Beratungsstelle für Taubblindheit und Hörsehbehinderung (00:00:00)Klara Bellinger arbeitet für die Hessische Beratungsstelle für Menschen mit Taubblindheit und Hörsehbehinderung, ein Angebot der Deutschen Blindenstudienanstalt (blista). Die Beratungsräume liegen in Frankfurt-Sachsenhausen, beraten wird aber hessenweit und auch aufsuchend; finanziert wird die Stelle vom Hessischen Ministerium für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales. Es gibt sie seit rund 23 Jahren.Beraten wird persönlich, per E-Mail, Telefon und Videotelefonie – in Lautsprache und in Gebärdensprache, bei Bedarf mit Gebärdensprachdolmetschung. Themenschwerpunkte: Sozialrecht, Eingliederungshilfe, Schwerbehindertenausweis, Pflege und psychosoziale Beratung. Anlaufstelle ist sie für Betroffene, Angehörige und Fachkräfte gleichermaßen.Was ist Assistenz – und wer ist Kostenträger? (00:03:16)Assistenz ist ein Mittel, um gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Der zuständige Kostenträger hängt vom Kontext ab: im Bereich Arbeit häufig das Integrationsamt, die Rentenversicherung oder die Arbeitsagentur; bei gesundheitlichen Terminen die Krankenkasse; im Bereich der sozialen Teilhabe in Hessen der Landeswohlfahrtsverband (LWV) als Träger der Eingliederungshilfe.Der Antrag beim LWV: Fristen und Untätigkeitsklage (00:04:15)Erster Schritt ist der Antrag – formlos möglich, sinnvoller ist aber der neunseitige Vordruck des LWV, zu dem es online auch eine Ausfüllhilfe gibt. Als Bearbeitungszeit gelten sechs Monate als legitim; in der Praxis dauert es oft länger. Nach Ablauf der sechs Monate kann man nachfragen und, wenn sich nichts bewegt, mit einer Untätigkeitsklage drohen. Bellinger betont aus 23 Jahren Beratungserfahrung: Nachhaken ist nicht nur sinnvoll, sondern notwendig – es gab Fälle, in denen allein die Bedarfsermittlung über ein Jahr auf sich warten ließ.Bedarfsermittlung, Teilhabeplan PIT und Zielvereinbarung (00:06:17)Eine mitarbeitende Person des LWV kommt zur antragstellenden Person nach Hause und erfasst gemeinsam mit ihr den Bedarf: Wo wird Unterstützung gebraucht, in welchem Ausmaß, wie ist die familiäre Situation, wie selbstständig ist die Person? Daraus entsteht der Hilfeplan – in Hessen der personenzentrierte integrierte Teilhabeplan, kurz PIT.Auf dieser Grundlage wird eine Zielvereinbarung zugesandt, die konkrete Ziele enthält (Beispiele aus dem Vortrag: „Frau M. kann ihre Einkäufe selbstständig erledigen", „Herr K. geht seinen Hobbys nach"), dazu die bewilligte Stundenzahl und den Geldbetrag. Wichtig: Gegen die Zielvereinbarung selbst ist kein Widerspruch möglich, gegen den endgültigen Bescheid schon – in der Regel innerhalb eines Monats, und ein Jahr lang, wenn im Bescheid keine Widerspruchsfrist genannt ist.Gesetzliche Grundlage: SGB IX, Paragraphen 113 und 78 (00:09:38)Bellinger liest beide Paragraphen im Wortlaut vor, weil sie überraschend verständlich formuliert sind. § 113 SGB IX regelt die Leistungen zur sozialen Teilhabe allgemein – Ziel ist eine gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft und eine möglichst selbstbestimmte Lebensführung im eigenen Wohnraum und im Sozialraum.§ 78 SGB IX regelt die Assistenzleistungen konkret: allgemeine Erledigungen des Alltags, Haushaltsführung, Gestaltung sozialer Beziehungen, persönliche Lebensplanung, Teilhabe am gemeinschaftlichen und kulturellen Leben, Freizeitgestaltung einschließlich Sport sowie die Sicherstellung der Wirksamkeit ärztlich verordneter Leistungen – und ausdrücklich die Verständigung mit der Umwelt in diesen Bereichen. Genau dieser letzte Punkt ist für die Zielgruppe entscheidend: Assistenz darf auch dafür genutzt werden, Kommunikationsbarrieren zu bewältigen.Persönliches Budget oder Sachleistung (00:13:01)Zwei Wege, die Leistung zu erhalten: Persönliches Budget (Geldleistung nach § 29): Der LWV zahlt direkt an die antragstellende Person, die damit die Rechnungen der Assistenzkräfte begleicht. Zwei Varianten – im Arbeitgebermodell ist man selbst Arbeitgeberin, meldet die Person etwa bei der Minijob-Zentrale an und ist für die Sozialversicherung verantwortlich; im Dienstleistermodell bucht man über einen Träger, ein Unternehmen oder eine selbstständig tätige TBA. Sachleistung: Ein sozialer Träger mit eigenen Beschäftigten rechnet direkt mit dem LWV ab. Weniger Verwaltungsaufwand, aber auch weniger Einfluss darauf, wer kommt und wann. Typische Einsatzfelder von Assistenz im Alltag: Unterstützung beim Einkauf, Freizeit- und Sportaktivitäten, kulturelle Aktivitäten, administrative Angelegenheiten wie Post, Formulare und Telefonate, Begleitung zu Terminen – und dabei häufig die Unterstützung der Kommunikation.Voraussetzungen, Taubblindengeld und Qualifikation (00:16:33)Die Eingliederungshilfe ist einkommens- und vermögensabhängig: Die Vermögensfreigrenze liegt aktuell bei rund 70.000 Euro, die Einkommensgrenze je nach Erwerbssituation ungefähr zwischen 1.700 und 2.300 Euro netto monatlich. Sie ist außerdem nachrangig – in der Regel muss zuerst ein Antrag auf Pflegeleistungen gestellt und eine Begutachtung durch den Medizinischen Dienst durchgeführt werden. Und der Anspruch besteht nur, wenn tatsächlich ein Teilhabebedarf vorliegt, nicht per se.In Hessen gibt es zusätzlich das Taubblindengeld von rund 1.500 Euro. Der LWV rechnet davon üblicherweise 30 Prozent – etwa 500 Euro – auf die Assistenzleistungen an. Das steht so nirgendwo im Gesetz, ist aber gängige Praxis; gegen eine höhere Anrechnung kann man vorgehen, und meistens wird das akzeptiert.Zur Qualifikation: Die berufsbegleitende Weiterbildung zur Taubblindenassistenz dauert ein Jahr und wird an vier Standorten angeboten – Niedersachsen, Bayern, Baden-Württemberg und NRW. Vermittelt werden taubblindenspezifische Kenntnisse, Kommunikationsformen, Führtechniken, rechtliche und medizinische Aspekte sowie das Assistenz-Selbstverständnis.Der bundesweite TBA-Verband führt eine nach Bundesländern gegliederte Liste. In Hessen sind dort nur sechs TBA gelistet – in NRW und Baden-Württemberg deutlich mehr. Die Beratungsstelle vermittelt auch Kontakte zwischen Assistenzsuchenden und Assistenzkräften. Daneben gibt es Sehbehinderten- bzw. Hörsehbehindertenassistenzkräfte mit anderer Qualifikation, die meist eher lautsprachlich arbeiten, während TBA häufig gebärdenkompetent sind. Der DBSV führt dazu eine bundesweite Liste (Suchbegriff: „DBSV Liste Hörsehbehindertenassistenz").Aus der Praxis und Fragen aus dem Publikum (00:22:59)Zwei Veranstaltungsbeispiele der Beratungsstelle: ein Trommelkurs im Oktober mit Franco Kratzenstein, der selbst taubblind ist und die über Vibration arbeitenden Trommeln selbst gebaut hat – rund zehn Teilnehmende, viele mit Taubblindenassistenz, die das Erklärte gebärdensprachlich weitergab. Und eine Naturführung an der Nidda in Frankfurt im Frühjahr mit den Wildnisbotinnen, bei der Pflanzen erfühlt und gerochen und ein Modell eines Eisvogels ertastet wurde.Aus der Fragerunde: Kostengünstige Rechtsberatung: Eine Beraterin der EUTB empfiehlt eine Mitgliedschaft beim Blinden- und Sehbehindertenbund oder bei PRO RETINA, um die sehr kostengünstige Rechtsberatung und Rechtsvertretung der rbm (Rechte behinderter Menschen) in Anspruch nehmen zu können. Eigenbeteiligung: Ein Beitrag ergänzt, dass bei einem verlorenen Verfahren eine Eigenbeteiligung anfällt – nach seiner Einschätzung unter 300 Euro – und dass auch eine Rechtsschutzversicherung den Zugang zur Vertretung eröffnen kann, ohne Verbandsmitgliedschaft. Rechtsschutzversicherung und Behinderung: Auf die Frage, ob man beim Abschluss eine Hörsehbehinderung angeben muss, lautet die Antwort: nein – entscheidend ist nur, dass die Vertretung vor dem Sozialgericht im Vertrag enthalten ist. Arbeitsassistenz: Ein Beitrag schildert, wie lange die Bewilligung einer Arbeitsassistenz über das Integrationsamt dauert und welche kommunikativen Probleme im Arbeitsleben dadurch entstehen. Klara Bellinger bestätigt, dass die langen Bearbeitungszeiten bundesland- und kostenträgerunabhängig ein Problem sind. Kontakt Hessische Beratungsstelle für Menschen mit Taubblindheit und Hörsehbehinderung: tbl-beratung@blista.de blista – Deutsche Blindenstudienanstalt e. V.: https://www.blista.de Instagram: blista campus Vortragsseite: https://sightcity.net/F031003 SightCity: https://sightcity.net Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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    August 20 · 32 min

    SightCity Forum 2026 - Ersetzt Artificial Intelligence (AI) alle Hilfsmittel? (F031002)

    KI drängt in unser Leben (00:00:00)Jede Google-Abfrage, jede Wortvorhersage in WhatsApp, jede Suchmaschinenanfrage ist heute KI-gestützt – man muss sie aktiv abschalten, wenn man sie nicht will. Auf der Messe prallen nach Schrages Beobachtung zwei Welten aufeinander: der klassische Ersatz verlorener Sehleistung durch taktile und audiovisuelle Hilfsmittel und die vollständige Verbalisierung der Umwelt durch Artificial Intelligence. Seine Leitfrage: Werden wir in 20 Jahren noch eine SightCity brauchen, oder sitzen wir alle allein vor unseren Computern?Ersatz ausgefallener Körperfunktionen: direkte und indirekte Kopplung (00:02:42)Der medizinische Weg ist die direkte Ankopplung an den Körper – die Prothese nutzt denselben neuronalen Pfad. Beispiel: das Argus II, bei dem ein Elektroden-Array auf der Netzhaut die Nerven direkt elektrisch anspricht. Ein zerebrales Implantat wurde fünfmal implantiert; alle fünf Patienten starben langfristig an einer Enzephalitis – Proof of Principle, aber keine gute Idee. Der Hilfsmittelweg ist die indirekte Kopplung: vom Sehen auf Audio oder auf Taktiles umsteigen. Das muss adaptiert und gelernt werden, ein langer und zum Teil schmerzhafter Prozess. Neu hinzugekommen ist die AI-gestützte Bild-, Personen-, Text- und Kontexterkennung – für Schrage deshalb besonders spannend, weil daraus für viele Patienten unmittelbar eine Versorgung entsteht.Erwähnte App: Microsoft Seeing AI – kostenfrei, mit Audiodeskription von Situationen und Bildern, Geldschein-Erkennung und Textvorlesefunktion.Hilfsmittel heute: Orientierung, Körperpflege, Ernährung (00:05:14)Ein Durchgang durch das reale Sortiment: Langstock, Taststock und Stützstock, Armbinden und Plaketten, reflektierende Klickbänder. Dosierhilfen für Shampoo und Flüssigseife, sprechende Personenwaage, sprechendes Fieberthermometer, Bügel- und Ärmelbügelhilfe, Wäschefaltbrett und das sprechende Farberkennungsgerät Colorino. In der Küche: sprechende Küchenwaage, Messlöffel-Set, akustische Füllstandsanzeige, Handfolienschneider, Kontrastschälchen, sichere Schneidbretter – und der Zwiebelhalter, den Schrage als „albern" bezeichnet und trotzdem für ein wertvolles Gerät hält, weil man beim Schälen sonst leicht abrutscht.Texterkennung, Bild- und Farberkennung – und das Ende des Papiers (00:07:22)Handleuchtlupen, Standlupen, Lupenleuchten, Teleskope, Einschlaglupen, elektronische Lupen, Bildschirmlesegeräte und Vorlesegeräte, dazu Schreib- und Unterschriftsschablonen, Linienpapier und Stifte in unterschiedlicher Dicke. Schrages These: Weil sich die gesamte Schriftkommunikation ins Digitale verlagert, entfällt langfristig mehr als die Hälfte dieser Geräte. Die digitale Unterschrift hat für blinde und sehbehinderte Menschen sogar einen eigenen Wert – man muss sich beim Schreiben nicht mehr exponieren.Erwähnte App: Be My Eyes – hilft in Situationen, in denen man sich verlaufen hat, über das Smartphone schnell wieder Orientierung zu finden.Mobilität: Der Traum vom selbstfahrenden Auto (00:09:13)Schrages großer Traum: dass ein blinder oder sehbehinderter Mensch selbstständig sagen kann „ich möchte von A nach B", sich ein selbstfahrendes Auto holt, aussteigt und angekommen ist – wie jeder andere auch. Dazu sprechende und taktile Uhren, Vibrationsuhr, Timer mit Piepton. Für den Nahverkehr die App Abfahrt, die ansagt, welcher Zug oder Bus in der Nähe gerade losfährt und wie man dorthin kommt. Google Maps hat brauchbare Sprachausgaben, ist aber nach Schrages Einschätzung weniger sensitiv als Komoot. Beim Neubau seiner Klinik ist die Wegeführung vom Eingang bis zur Behandlung ein großes Thema – Leittechnik und Bodenleitsysteme.Was Hilfsmittel können, was KI nicht kann – und umgekehrt (00:10:59)Der Langstock bleibt: Er erkennt akut kleine Bodenwellen und Hindernisse, die auf keiner Karte der Welt verzeichnet sind, und verhindert Stürze. Reflektoren und Warnmittel, die den Mitmenschen signalisieren, dass hier jemand nicht gut sieht, bleiben ebenso entscheidend – wie auch Faltbügel, Dosierspender, Handarbeit und der Füllstandsanzeiger, denn den Finger in kochende Flüssigkeit zu halten ist keine gute Idee. Umgekehrt kann KI vorlesen, Kontext erkennen und Kontext ergänzen.Die Grenzen: Bei Stromausfall oder ohne Internet ist man abgehängt. Auf dem Land funktioniert das Hilfsmittel plötzlich nicht mehr. Man braucht ein tragfähiges GPS-Signal – ein anderes System gibt es dafür bislang nicht. In Gebäuden hilft nur RFID-Technik und Gebäudeleittechnik.Neue Abhängigkeiten: Datenschutz und Privatsphäre (00:13:49)Wer diese Software nutzt, erlaubt den Herstellern tiefe Einblicke in sein Leben. Schrage verweist auf die Diskussion um OrCam, bei der die Daten auf israelische Server gingen und das Leben der Nutzenden faktisch mitgeschnitten wurde.Aus dem Publikum und von der Moderation kommen mehrere Beiträge: Der Preis der Nutzung ist derzeit die Aufgabe sämtlicher Privatsphäre. Wer sich einen Arztbrief oder einen Befund vorlesen lässt, gibt ihn an den Anbieter weiter. Gefordert werden Wahlmöglichkeit und privatsphärefreundliche Alternativen. Ein Mitglied im Fachausschuss Informationstechnologie des DBSV berichtet von einem Papier zu KI und verweist auf die Entwicklung Richtung Edge – einfache Verarbeitung auf dem eigenen Gerät statt in der Cloud. Zentrale Forderung: ein spezieller Datenschutz für behinderte Menschen, weil sie sich anhand ihrer Daten besonders leicht wiedererkennen lassen. Ein Beitrag fordert, dass man bei ChatGPT und Google Gemini kontrollieren und selbstständig löschen können muss, welche Daten gespeichert sind. Schrage weist auf die Widerspruchsfrist bei Meta hin (31.05. des Jahres) und darauf, dass sich das entsprechende Formular gut versteckt findet. Als datenschutzfreundliche Alternative wird Foxy Vision von Hy-Tech genannt, das ohne Internetverbindung arbeitet. Schrages historische Einordnung: So sei es mit neuen Technologien immer gegangen – die ersten Autos dachten, sie hätten Vorfahrt vor jeder Kutsche, bis man sich auf Verkehrsregeln geeinigt hat. Wir sind Teil dieses Aushandlungsprozesses. Zukunftsvision und Diskussion (00:19:16)Schrages Vision für die nächsten 20 Jahre: eigenständige Mobilität durch autonomes Fahren im Individualverkehr, KI-gestützte Arbeitsassistenz statt flächendeckender persönlicher Assistenz und dadurch mehr Teilhabe am ersten Arbeitsmarkt.Ausgewählte Fragen und Beiträge aus dem Publikum: Gefahr der Vereinsamung: Wenn alles allein und mit KI funktioniert, geht die gemeinsame Lösungssuche verloren. Schrage empfiehlt dazu die Erzählung „The Machine Stops" von E. M. Forster, die den plötzlichen Abbruch eines internetartigen Systems beschreibt. Meta-Brille und Datenlöschung: Muss man das Unternehmen in den USA direkt und auf Englisch anschreiben? Schrage verweist auf das Widerspruchsformular bei WhatsApp und Instagram. Berufsbilder: Welches Berufsbild würde man einem 20-jährigen Patienten heute raten? Schrage verweist auf die Berufsbildungs- und Berufsförderungswerke – mahnt aber an, dass sich die Berufsbilder gerade wieder verändern. Von Besenbinder, Bürstenmacher und Korbflechter ging es über Brailleschrift und Assistenz ins Büromanagement, und genau dieser Bereich wird jetzt durch Artificial Intelligence streitig gemacht. Gegenposition: Ein Beitrag fordert das Gegenteil – möglichst viel KI nutzen und Daten einbringen, weil behinderte Menschen in den Weltmodellen sonst gar nicht vorkommen. Als Beispiel wird genannt, dass ChatGPT sich geweigert habe, ein Bild einer Person zu erzeugen, die beim Lesen ganz nah herangeht. Flankierend brauche es Sanktionen bei Missbrauch, ähnlich wie beim Vaterschaftstest im genetischen Bereich. Vermittelnde Position: Modelle sollen den Fakt „jemand ist behindert" lernen, aber nicht auf das Individuum heruntergebrochen werden – anonyme Daten statt persönlich identifizierender Merkmale. Abfrage im Raum: Fast alle Anwesenden besitzen und nutzen ein Smartphone. Niemand hält es für möglich, mit KI auf den Blindenlangstock zu verzichten. Auch die Brailleschrift, so das Fazit, wird nicht verschwinden. Kontakt und Links Vortragsseite: https://sightcity.net/F031002 SightCity: https://sightcity.net Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp

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