
Technologieoffenheit oder Entscheidungsunfreude? (#034)
In dieser Folge von dermobilist spricht Host Volker Froese mit Katja Diehl über Elektromobilität, Fehlanreize und die Frage, was autonomes Fahren in Europa leisten kann. Du erfährst, warum systemisches Denken wichtiger ist als die nächste Technik und wo Robotaxis, Carsharing und Schnellladeinfrastruktur tatsächlich weiterhelfen. Zu Gast Katja Diehl, She Drives Mobility Katja Diehl ist Mobilitätsexpertin, Bestsellerautorin, Speakerin und Podcasterin des She Drives Mobility Podcasts. Sie lebt in Hamburg, ist mit dem Rad unterwegs und bringt Erfahrung aus ihrer Konzernvergangenheit und aus der Arbeit bei Stadtwerken mit. Ein Buch hat sie gemeinsam mit einem VW-Arbeiter geschrieben, für ihr zweites Buch führte sie Interviews unter anderem mit jemandem aus der Bundesregierung. In Österreich war sie im Beirat der damaligen Klimaschutzministerin Leonore Gewessler. Ihr Anspruch ist intersektionale Mobilität für alle, auch für die 13 Millionen Erwachsenen in Deutschland ohne Führerschein. Katja Diehl sieht das Elektroauto als Chance auf energetische Unabhängigkeit, auch von Despoten wie Trump und Putin. Umso trauriger findet sie, dass laut ihrer Recherche von rund 50 Millionen Autos in Deutschland unter 5 Prozent vollelektrisch sind. Sie erzählt von ihrer Tour mit einem VW-Arbeiter an die Standorte von Volkswagen. Dort wünschten sich Menschen mit Behinderung passende Fahrzeuge und Dörfer kleinere, barrierefreie Busse. Ihre These: Abgeschriebene Maschinen könnten Komponenten für Strassenbahnen, Busse und Züge bauen, statt dass Autowerke zu Rüstungswerken werden. Dass Umrüstung skaliert, zeigt ihr Beispiel von einer Busmesse: Reisebusse erhalten dort Elektromotoren mit 300 Kilometern Reichweite. Im Zentrum steht systemisches Denken. Das Auto kann vom reinen Verbraucher zum Teil des Energiesystems werden. Volker Froese berichtet, dass viele der über 600 Schweizer Energiedienstleister dezentrale Quartierspeicher planen. Damit muss das Auto nicht der Speicher sein und lässt sich wieder separat betrachten. Katja kritisiert Fehlanreize in Deutschland, etwa den staatlich belohnten Verbrenner als Dienstwagen, der den Gebrauchtwagenmarkt von morgen prägt. Volker ergänzt: Wer wie ein Bäcker in eigene Energie investiert, wird durch pauschale Förderungen für alle anderen am Ende bestraft. Beim Schnellladen zeigt er, was Planung bringt. An Schweizer Nationalstrassen stehen heute alle 10 Kilometer Schnellladestationen mit mindestens 150 kW. Bei Robotaxis beobachtet Volker, dass diese Fahrzeuge kleiner sind und weniger Energie brauchen. Katja bleibt skeptisch: In europäischen Städten hat ihr noch niemand erklärt, welches Problem sie lösen, zudem fährt keines dieser Autos barrierefrei. Chancen sieht sie im ländlichen Raum, als Zubringer zum Bahnhof und in der nächtlichen Logistik. Beim Besetzungsgrad nennt sie 1,075 Personen im Pendelverkehr. Ein Kostentool der Uni Kassel zeige Kommunen regelmässig, dass 80 bis 90 Prozent der Mobilitätskosten auf den Autoverkehr entfallen. Beim Carsharing setzt Katja auf feste Stationen, Volker schildert, wie Free Floating mit günstigeren Fahrzeugen an Umsteigepunkten in seinem Dorf funktioniert. Das erfährst du in dieser Folge - Katja Diehl zufolge sind von rund 50 Millionen Autos in Deutschland unter 5 Prozent vollelektrisch, für ein Autoland eine traurige Zahl. - Technologieoffenheit wird für Katja ab einem gewissen Zeitpunkt zur Entscheidungsunfreude, weil sie Käuferinnen und Käufer verunsichert. Volker Froese spricht lieber von Physikoffenheit. - Die Belohnung des Falschen ist laut Katja weit verbreitet: der Verbrenner als steuerlich begünstigter Dienstwagen, die gesenkte Flugsteuer und steuergünstiger Diesel. - Autonomes Fahren sieht Katja nicht in mittelalterlichen Innenstädten, sondern im ländlichen Raum. Schon 24 km/h wären fast viermal so schnell wie zu Fuss. - Keines der Robotaxis fährt laut Katja barrierefrei. In Hamburg ist nur das Testfahrzeug der Hamburger Hochbahn von Anfang an barrierefrei. - Eine neue weltweite Studie, die Katja zitiert, zeigt: 75 Prozent der Folge- und Unterhaltskosten des Autoverkehrs trägt die Allgemeinheit. Fragen aus der Folge Welches Problem können Robotaxis in Europa lösen? In Städten sieht Katja Diehl keinen klaren Nutzen, zumal Leerkilometer ein Problem sind und die Fahrzeuge nicht barrierefrei sind. Chancen sieht sie im ländlichen und suburbanen Raum, etwa als Zubringer zum Bahnhof, und in der nächtlichen Logistik. Volker Froese betont, dass besonders ältere Menschen, Kinder und mobilitätseingeschränkte Personen auf dem Land profitieren würden. Warum sieht Katja Diehl Technologieoffenheit kritisch? Am Anfang findet sie es richtig, alle Technologien zu prüfen. Ab einem gewissen Zeitpunkt wird Technologieoffenheit für sie aber zur Entscheidungsunfreude. Sie verunsichert Menschen, die vor dem Kauf eines Autos stehen, obwohl für den Pkw ihrer Ansicht nach nur der elektrische Antrieb Sinn macht. Wie ist die Schnellladeinfrastruktur an Schweizer Nationalstrassen entstanden? Volker Froese war früher selbst für diesen Aufbau zuständig. Nachdem Rastplätze per Gesetz Ladestationen haben durften, stoppte der Bund zunächst alles und plante Strombedarf, Standorte und Anbieterzahl. Heute stehen alle 10 Kilometer Nationalstrasse Schnellladestationen mit mindestens 150 kW. Wenn dir der Blick auf Fehlanreize und Robotaxis neue Argumente geliefert hat, abonniere dermobilist und schick die Folge an jemanden, der gerade über sein nächstes Auto nachdenkt. Kapitel 0:00:00 Cold Open 0:00:55 Vorstellung Katja Diehl und Einstieg 0:02:58 E-Auto, Unabhängigkeit und Autoindustrie 0:09:33 Werksumbau, Retrofit und modulares Bauen 0:13:39 Auto im Energiesystem und systemisches Denken 0:18:13 Förderung, Mobility Pricing, Technologieoffenheit 0:22:16 Energieversorger als Dienstleister, Mobilitätsgipfel 0:27:51 Schnellladeinfrastruktur und Vorbilder 0:32:56 Fehlanreize und Belohnung des Falschen 0:36:58 Klima-Framing und Selbstwirksamkeit 0:40:00 Robotaxis und autonomes Fahren 0:48:05 Besetzungsgrad und Kosten des Autoverkehrs 0:50:37 Free Floating und Carsharing 0:58:40 Privilegien des Autos und Gerechtigkeit 1:01:42 Mobilitätstour in der Schweiz und Verabschiedung Schlagworte: Katja Diehl, She Drives Mobility, Elektromobilität, Robotaxis, autonomes Fahren im ländlichen Raum, Technologieoffenheit, Mobility Pricing, Schnellladeinfrastruktur Schweiz, Carsharing und Free Floating, Kosten des Autoverkehrs Support the show Support the show: dermobilist.show
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