
Medizin-Controlling zwischen Widerspruch, Verschlüsselung und Wahnsinn | Martin Sonntag
Wie kommt ein Krankenhaus eigentlich an sein Geld? Ein Teil der Antwort heißt Medizin-Controlling. Medizin-Controller:innen beschäftigen sich mit der Verschlüsselung von Leistungen, machen sie damit abrechenbar – und landen regelmäßig in Auseinandersetzungen mit Krankenkassen und dem Medizinischen Dienst. Ein Thema, über das sich Dr. Laura Dalhaus immer wieder ordentlich echauffiert. Deshalb hat sie Martin Sonntag, selbst Medizin-Controller, zu „5 Minus – Das Gesundheitssystem verfehlt das Klassenziel“ eingeladen. Im Krankenhaus dreht sich bei der Abrechnung vor allem alles um zwei Bereiche: die DRG-Abrechnung und die Abrechnung der Fachabteilung der Psychiatrie. Klingt technisch. Ist es auch. Medizin-Controlling kann man sogar studieren. Denn Medizin ist eben nicht schwarz oder weiß – und bei der Frage, was wie abgerechnet werden darf, gehen die Vorstellungen durchaus auseinander. Martins Hauptaufgabe besteht darin, Gutachten zu prüfen und Widersprüche zu verfassen. Aktuell gibt es rund 1,3 Millionen Krankenhaus-Abrechnungsprüfungen durch den Medizinischen Dienst. Durch das GKV-Spargesetz könnten es künftig rund zwei Millionen mehr werden. Derzeit liegt die Prüfquote bei 10 Prozent. Damit landet jede zehnte Krankenhausrechnung beim Medizinischen Dienst. Etwa die Hälfte der geprüften Rechnungen wird negativ beanstandet. Und wenn es anschließend vor Gericht geht, braucht niemand mit einer schnellen Entscheidung zu rechnen. Ein Klageverfahren kann allein in der ersten Instanz gut fünf Jahre dauern. Bis ein Urteil vorliegt, sind die betroffenen Patient:innen häufig schon neun oder zehn Jahre aus dem Krankenhaus entlassen. Nur geht die Rechnung dabei nicht wirklich auf: Betrachtet man allein die Zahlen, bringen die Prüfungen weniger ein, als die damit verbundenen Kosten eigentlich rechtfertigen würden. Durch die Rechnungskürzungen erhofft sich der Gesetzgeber Einsparungen von 1 bis 1,6 Milliarden Euro. Welche zusätzlichen Verwaltungskosten die veränderten Prüfquoten verursachen, scheint für die Politik dabei keine entscheidende Rolle zu spielen. Besonders absurd wird es an einem anderen Punkt: Menschen, die heute Jobs wie Martin machen, kommen ursprünglich häufig aus der Patient:innenversorgung. Gleichzeitig soll dieser Bereich weiter ausgebaut werden – und damit fehlen genau diese Fachkräfte an anderer Stelle in der Versorgung. Natürlich landet auch die Dokumentation wieder auf dem Tisch. Der MD hinterfragt regelmäßig, ob das Dokumentierte tatsächlich stimmt. Teilweise entsteht dabei der Eindruck, dass der Nachweis über die geleistete Arbeit wichtiger geworden ist als die eigentliche Arbeit mit und an Patient:innen. Laura kritisiert außerdem, dass der Facharztstandard beim Medizinischen Dienst nicht immer eindeutig ist und auch nicht in jedem Fall zu den zu prüfenden Fällen passt. Dahinter steckt eine Misstrauenskultur: Der MD geht davon aus, dass Controller:innen zusammensitzen und überlegen könnten, wie sich Krankenkassen bei der Abrechnung austricksen lassen. Auch bei der geplanten Verringerung der Zahl der Krankenkassen sieht Laura ein Problem. Gerade kleinere Krankenkassen, die sehr gute Arbeit leisten, könnten dabei verschwinden. Gleichzeitig braucht es keine 93 Krankenkassen. Bei all den Prüfquoten, Gutachten, Widersprüchen und Abrechnungen gerät ein Punkt erstaunlich schnell aus dem Blick: die Patient:innenbehandlung. Denn hinter jedem Fall, über den entschieden und gestritten wird, steht ein Mensch. Martin rechnet im kommenden Jahr mit noch mehr MD-Prüfungen und noch mehr negativen Gutachten. Ein ziemlich ernüchternder Ausblick. Die beiden wollen deshalb noch einmal miteinander sprechen, sobald das neue Jahr läuft – und dann schauen, was die Veränderungen für den Alltag im Medizin-Controlling tatsächlich bedeuten. Mehr über Laura: https://linktr.ee/lauradalhaus Zum Shop von Laura: https://lauradalhaus-shop.de/


















